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Das Lehrer-Echo

1.0 Der Sachverhalt

Im Unterrichtsgespräch, vor allem bei fragend-entwickelndem Unterricht, neigen Lehrer dazu, die Antworten von Schülern zu wiederholen. Diese Wiederholung wird allgemein Lehrer-Echo genannt und scheint zu den heimlichen „Lieblingsthemen" von Ausbildern zu gehören.

1.1 Die Entstehung des Lehrer-Echos

Da das Lehrer-Echo bei den unterschiedlichsten Lehrerpersönlichkeiten zu beobachten ist, muss es dafür eine allgemein wirksame Ursache geben. Dazu zwei Thesen.

  • In Schulklassen mit herkömmlicher Platzanordnung (sog. "Omnibus"-Möblierung) sind Beiträge vorn sitzender Schüler weiter hinten oft nicht zu verstehen. Der Lehrer fungiert gleichsam als Verstärkerstation, indem er den jeweiligen Beitrag für alle hörbar macht.
  • Der Lehrer möchte eine besonders wichtige Antwort verstärken und als bedeutsam markieren.

In beiden Fällen verselbständigt sich die Wiederholung von Schülerantworten sehr bald zu einem unwillkürlichen Verhalten und einer schematische Gewohnheit.

1.2 Das Lehrer-Echo - nur eine harmlose Unart?

Auf den ersten Blick könnte man das Lehrer-Echo für eine harmlose Unart halten, deren Erörterung eine ebenso banale wie überflüssige Marotte der Ausbilder ist. Vergegenwärtigt man sich jedoch, dass Unterricht ein komplexer Kommunikationsvorgang ist, in dem es um Anbahnung von Verstehen und geistiger Aneignung geht, so werden ungünstige Wirkungen des Lehrer-Echos deutlich.

Sie werden im folgenden benannt und erörtert.

2.0 Die ungünstigen Wirkungen des Lehrer-Echos

Das Lehrer-Echo wirkt aus den verschiedensten Ursachen ungünstig auf den Unterrichtsverlauf. Kommunikative, psychologische, didaktische und erkenntnistheorische Aspekte sind miteinander verknüpft und brauchen im einzelnen nicht unterschieden zu werden.

Im wesentlichen handelt es sich um folgende Effekte. Das Lehrer-Echo

  • verkürzt den Spannungsbogen und die Wirkung eines weiterreichenden Impulses, so dass Fragehaltung und Bereitschaft zu kritischem Weiterdenken überflüssig werden;
  • verringert Niveau und Reichweite eigener geistiger Arbeit der Schüler, weil Bestätigung und Korrektur nicht aus der Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsgegenstand folgen, sondern vorgegeben werden;
  • verkürzen den geistigen Aktionsradius der Schüler, so dass sie schließlich das Problem aus den Augen verlieren, weil sie nur noch von Frage zu Frage reagieren;
  • unterbricht bei vielen Schülern die Kontinuität des Denkens und lässt gerade die schwächeren Mitglieder einer Lerngruppe mit zahlreichen unfertigen Gedankengängen allein;
  • begünstigt das Entstehen kurzschrittiger Unterrichtsverläufe und zusätzlich ungünstig wirkendender Impulshäufungen.

Das Lehrer-Echo gefährdet also den Erfolg gerade der Unterrichtsform, die von vielen Lehrern bevorzugt wird - des fragend-entwickelnden Unterrichtsgespräches.

3.0 Möglichkeiten zur Vermeidung des Lehrer-Echos

Aus den vorstehenden Überlegungen folgt, dass es sinnvoll und notwendig ist, das Lehrer-Echo zu vermeiden. Das sollte sowohl auf der grundsätzlichen als auch auf der situativen Ebene geschehen.

3.1 Andere Impulse und Lenkungsmittel

Am wirkungsvollsten kann der Lehrende das Lehrer-Echo vermeiden, indem er nur wenige oder gar keine Fragen stellt. Ein Unterrichtsgespräch, das diesen Namen verdient, besteht aus Beiträgen der Beteiligten, nicht aus Fragen des Lehrenden und Antworten der Schüler. Gesprächsbeiträge regen jedoch - im Gegensatz zu Antworten auf Fragen - nicht zur echoförmigen Wiederholung an.

Möglichkeiten für geeignete Lenkungsformen sowie die Begründungszusammenhänge werden auf der Webseite "Empfehlungen für die Unterrichtspraxis" vorgestellt. Hier kann es genügen, auf das Prinzip der

indirekten Lenkung durch Operationsobjekte

hinzuweisen und andere syntaktische Formen sprachlicher Impulse, nämlich

Aufforderungen und vor allem kommentierende Aussagen zur Arbeitssituation

zu empfehlen.

3.2 Bewusste Vermeidung von Wiederholungen

Wenn der Unterrichtende den Eindruck hat, ein Schülerbeitrag sei nicht in der ganzen Lerngruppe zu hören gewesen, sollte er den Impuls zu einer für alle verständlichen Wiederholung bewusst unterdrücken.

Statt dessen sollte er

  • für eine Sitzordnung sorgen, die - soweit das bei den räumlichen Gegebenheiten möglich ist - die Verständigung erleichtert;
  • im Einzelfall einen zu leise oder unverständlich sprechenden Schüler bitten, seine Aussage deutlich zu wiederholen;
  • sich bei den anderen Schülern vergewissern, ob sie einen Beitrag verstanden haben.

Konsequentes Verhalten der hier skizzierten Art wird insgesamt erzieherisch günstig wirken und die eigentlichen Ursachen für das Lehrer-Echo beseitigen, mindestens jedoch entschärfen.

4.0 Literaturnachweis

In die vorstehenden Ausführungen wurden Überlegungen aufgenommen, die aus folgender Arbeit stammen:

Erich E. GEISZLER
Analyse des Unterrichts
Bochum 1973, S. 270 f.


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Ausgearbeitet von:     Dr. Manfred Rosenbach -        letzte Änderung am: 15.01.08
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