Zurück zur Homepage Eisenbahn
       
Eisenbahn Reisen Meschenmoser | Augenzeugen
 

 

    Sanitätstransport ins Lazarett nach Wasserburg/Inn (Oberbayern)


 
Durch einen Granatsplitter wurde ich am Oberschenkel schwer verletzt. Mit starken Schmerzen wurde ich in ein Feldlazarett eingeliefert. Ein glücklicher Zufall verschonte mich - wie sonst üblich - vor der Beinamputation.
 
30. April 1944: Feldpostbrief
 
"Meine lieben Eltern! - Leider bin ich immer noch hier, aber daran läßt sich nichts ändern. Man muß ja froh sein, daß ich mein Bein noch habe, denn das ist immer noch in Gefahr. Da macht man ehrlich was mit! Vorgestern wurde ich das dritte Mal operiert, aber ich habe Glück: Mich operiert jedesmal der Chefarzt des Lazarettes, ein Professor, der meinen Fall immer im Auge hat. Schmerzen habe ich keine, bloß die Transportiererei ist verheerend. Das Fieber ist durchschnittlich. An die Liegerei habe ich mich gewöhnt. ... Sonst gefällt es mir hier nicht besonders. Die Betreuung ist nicht gut, die Sanis sind elend stur. .."
 
3. Mai 1944 - Transporttag
Morgens Abschied von Kamerad Kurz. Per Sanka (=Sanitätskraftwagen) zum Flugplatz, das ist eine Quälerei. In 'San-Ju' (Hinweis: ein Junkersflugzeug, speziell für liegende Verwundete eingerichtet) hundert Kilometer weiter. Das Starten und das Landen ist eine Schinderei. In eine 'Gigant' (Hinweis: Das Flugzeug mit der größten Ladefläche) war ich schon verladen, wurde aber wieder ausgeladen. Per Sanka zum Bahnhof in einen Lazarettzug. Endlich ein bißchen Ruhe.
 
4. Mai 1944 - Transporttag
Mittags Abfahrt des Lazarettzuges. Nachts an Ploesti vorbei, dort ist ein Fliegerangriff im Gange.
 
5. Mai 1944 - Transporttag
Durch die Karpaten, eine herrliche Berglandschaft. Sinaja, durch Siebenbürgen. In Kronstadt prima Betreuung, auch später ist das so. Eier, Speckbrote.
 
6. Mai 1944 - Transporttag
Durch Ungarn, durch Budapest, das ist eine schnelle Strecke. Nachmittags sollten wir in Wien sein. Daraus wird nichts - das Ziel ist Bad Ischl, prima.
 
7. Mai 1944 - Transporttag
Bei Nacht Fahrt um Wien herum. In Salzburg gute Betreuung. In Traunstein gibts Bier! Erste Ausladung von Verwundeten. Nachts in Rosenheim, zweite Ausladung.
 
Zum 7. Mai 1944: Auf dem Transport nach Deutschland
Galatz ist eine Stadt tief in Rumänien. Dort gab es gewiß auch einen Bahnhof, der für Lazarettzüge nach Deutschland genutzt werden konnte. Darauf läßt auch die Formel "Laz.Z." schliessen, die mehrfach im Kriegstagebuch steht. Das Urteil der Ärzte wechselte in meinem Falle zwischen "transportfähig" und "nicht transportfähig".
Endlich, am 5. Mai, war es so weit. Genau einen Monat hatte es von der Verwundung her gedauert. Ich wurde nicht in einen Lazarettzug verladen, sondern in ein Sanitätsflugzeug. Der Flug ging aber nicht bis Deutschland, sondern lediglich hundert Kilometer weiter. Von dort war ein weiterer Flug geplant, sogar per Großraumflugzeug. "Gigant" war sein Name, das war das größte deutsche Flugzeug des Krieges. Aus dem Flug mit dem "Gigant" wurde allerdings nichts. Den Grund erfuhr ich nicht.
Schlimm waren die Fahrten per Sanka (= Sanitätskraftwagen) zum Flugzeug hin und vom Flugzeug weg. Die Flugplätze waren ein Ansammlung von Schlaglöchern. Jedes Schlagloch schüttelte die Verwundeten kräftig durch, das verursachte Schmerzen. Noch verheerender waren Start und Landung der Flugzeuge. Über die Stoppelfelder hoppelten die Flugzeuge, sodaß wir mächtig durchgeschüttelt wurden. Stöhnende, schreiende Soldaten. Die Sanitäter setzten haufenweise Spritzen - die Betäubung war eine Wohltat.
In Stenogramm-Notizen vom Dezember 1944 finde ich eine Episode, die wohl in jene Rumänientage einzuordnen ist:
 
"Mich schüttelt es noch bei der Erinnerung an jenen Güterzug, vollgepfropft mit Schwerverwundeten, der irgendwo in Rumänien auf freiem Felde stand. Tagelang, ohne Arzt und ohne jede Betreuung. Daß sich diejenigen, die irgend laufen konnten, bei den rumänischen Bauern ihre Kleidung vom Leibe weg verkaufen mußten, um irgendwas zu essen zu bekommen. Kameraden, die das nicht konnten, mußten schlicht hungern. Gestorbene Soldaten wurden von den anderen Schwerverwundeten aus dem Waggon geworfen und neben den Geleisen verscharrt. Weit hinter der Front, in Freundesland, in der Etappe, geschehen in den Ostertagen 1944!"
 
Die weiteste Strecke beförderte mich ein Lazarettzug. Verpflegung und Pflege waren ausgezeichnet. Einmal, wohl in Kronstadt, erhielten wir sogar ein Liebesgabenpaket.
Die Freude, wieder in Deutschland zu sein, war groß. Die Freude wurde jedoch getrübt durch die rüde Auslade-Prozedur in Wasserburg. Die Träger kippten mich mit meinem Gestell im Wagen, aus dem Wagen heraus, in den Sanka, als wäre ich ein Mehlsack. Den Teufel kümmerten sich die Träger um den armen Kerl, den sie transportierten. Seine Schmerzen interessierten garnicht. Als ich endlich in einem richtigen Bett landete, war ich völlig erschöpft.
 
Ein gescheiterter Besuch im Lazarett
 

SW: Verkehr, Verkehrsmittel, Eisenbahn, Augenzeugen, Reise, Reiseerlebnisse, Bericht, Reisebericht, Tagebuch, Geschichte, 3. Reich, Krieg, Kriegstagebuch, Militär, Fahrt, Alltag, Ostfront, Gesundheit, Unglück, Unfall, Krankenhaus, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland

 

       

© 1993 - 2014 Verkehrswerkstatt
Autor: Alfred Meschenmoser, Essen
verantwortlich: Dr. Helmut Meschenmoser
aktualisiert: 19.5.2000

wir-in-berlin.de: Treffpunkt im Internet zurück zur Homepage von Verkehrswerkstatt Mitmachen Schickt uns Post!!! Mindmap Sitemap der Verkehrswerkstatt Team und Freunde