Ich wollte damals in die Heimatstadt Berlin,
nachdem es sich bis zum Bodensee herumgesprochen hatte, man
könne irgendwie jetzt wieder Berlin erreichen. Eine Postverbindung
gab es noch nicht. Man konnte nicht einfach in einen Zug nach
Berlin einsteigen und dann später in Berlin aussteigen. Es
war vielmehr ein beschwerlicher und zeitraubender Weg, ein
echtes Abenteuer. Mehrere Tage war man allemale unterwegs,
ohne zu wissen, ob man unterwegs was zu essen bekam und wo
man schlafen konnte. Es waren unendlich viele Menschen unterwegs.
Am 10. Oktober 1945 nachts 2 Uhr befand
ich mich offensichtlich auf dem Bahnhof Bebra, das war von
Frankfurt her der direkte Weg zur Zonengrenze. Von dort hätte
man am einfachsten mit dem Zug in Richtung Berlin fahren können.
Um Zeit zu sparen, wich ich am Bahnhof Bebra aus nach Friedberg.
Meine Tagebuch-Aufzeichnung schildert das
Geschehen:
"11. Oktober 1945, Donnerstag. An der
Grenze bei Kassel. Ab 2 Uhr in einer Menschenmauer, schaurig,
es ist lebensgefährlich eng. Ratschlag: Friedberg bei Göttingen,
Flüchtlingslager. Dort kann man direkt über die Grenze. 10
Uhr im Lager, Entlausung. Frühstück 30 Pfennige, Mittagessen
40 Pfennige, Marschverpflegung 70 Pfennige. Gegen 16 Uhr mit
vier Frauen und zwei Männern drei Kilometer Weg zur Grenze.
Ziegelei. Am Schlagbaum kein Durchkommen, auch nicht mit Schnaps
und Zigaretten. Umgehung zum Bahndamm, es regnet. Verhandlung
mit Viehhirten, sie wollen 1 bis 2 Flaschen Schnaps. Mit Schnaps
rüber. Marsch auf dem Bahndamm, dann die Böschung runter.
Hinter dem Regenschirm am Posten vorbei! Im nächsten Ort verschwitzt
und tropfnaß. 19.45 Uhr Abfahrt des Zuges nach Nordhausen,
im strömendem Regen."
Ohne Fahrkarte geht nichts!
- Eine Fahrt im Kohlenwaggon