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    Mit dem RAD -Sonderzug nach Ostpreußen


7. Februar 1941
16 Uhr im Restaurant Tiergartenhof, dorthin war ich bestellt worden. Mit Hanne Brodzus und Werner Völker hatte ich noch schnell einige Mollen getrunken (Molle = Berliner Ausdruck für ein Glas Bier). Am Restaurant-Eingang saßen mehrere RAD-Führer, die betrachteten wir mit gemischten Gefühlen. Na, wir werden ja sehen.
Im Saale sind viele Leidensgefährten. Mit Lärm ordnen sich die Haufen. Wohin geht es eigentlich? Bei dem einen steht "Cottbus" als RAD-Meldeamt, beim anderen "Schillfelde". Die mit "Cottbus" freuen sich, denn den Ort kennt man, der liegt nahe bei Berlin. "Schillfelde" - nie gehört, wo liegt dieses verdammte "Schillfelde"? Die Wahrheit sickert durch: Schillfelde liegt in Ostpreußen, nahe der russischen Grenze. Mein Gott.
Viele Kameraden sind "blau".
Transportführer ist ein Oberstfeldmeister. Er verschafft sich Ruhe und verliest Verhaltensmaßregeln. "Ihr werdet jetzt verladen!" Da beginnen einige schon zu johlen. Und exakt an diesen Satz dachten wir später oft: "Ihr werdet jetzt verladen!" Weitere Sätze werden mit Händeklatschen begrüßt, so: "Das Hinaushängen der Beine aus dem Fenster ist verboten!"
Die Kolonne wälzt sich zum nahen Bahnhof Zoo. Auf dem Bürgersteig laufen Angehörige mit. Von mir waren keine Angehörigen da, dies schien mir unpassend zu sein. Auf dem Bahnsteig: "Achtung - Achtung! - Zurücktreten - der RAD-Sonderzug!" Gegen 18.45 Uhr dampft der Sonderzug los. Zu meiner Freude ergatterte ich einen Fensterplatz. Wir fahren über Küstrin, Konitz, Dirschau.
Es wird immer kühler, je weiter wir nach Osten kommen. In Berlin war die Temperatur noch gemäßigt, jetzt sind schon Eisblumen am Fenster. Durch die Wandritzen zieht ein eiskalter Wind. Wir rücken enger zusammen - den Fensterplatz soll der Teufel holen. Doch andere traf es noch schlechter: Die letzten Wagen sind ganz ohne Heizung. Verfroren geben die Leute auf und verteilen sich auf die anderen Wagen.
Es wird Tag, wir sind in Ostpreußen. In Ostpreußen bin ich jetzt das zweite Mal. In Schloßberg umsteigen in eine Kleinbahn. Auch dies ist ein RAD-Sonderzug. So viele Wagen sind für ein einziges Lokomotivchen zu viel. Man merkt es, und schließlich dampfen zwei Lokomotivchen vorneweg. Und die Wagen, das sind vielleicht Kästen. In der Mitte eines jeden Wagens steht ein biederer Kanonenofen. Man sagte sich wohl seitens der Bahnverwaltung: Die werden schon von selbst heizen, wenn sie frieren. So war es auch.
Kein Zweifel: Nun sind wir richtig in Ostpreußen. Gemächlich stampft das Züglein durch die Ebene. Es könnte gut heißen: "Blumen pflücken während der Fahrt verboten!" Stiege man vor einer Kurve aus, so könnte man am anderen Ende der Kurve durchaus wieder einsteigen.
 
Mit 50 Meter Anlauf 100 Meter voran
 

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Autor: Alfred Meschenmoser, Essen
verantwortlich: Dr. Helmut Meschenmoser
aktualisiert: 29.10.2003

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