16 Uhr im Restaurant Tiergartenhof, dorthin
war ich bestellt worden. Mit Hanne Brodzus und Werner Völker
hatte ich noch schnell einige Mollen getrunken (Molle = Berliner
Ausdruck für ein Glas Bier). Am Restaurant-Eingang saßen
mehrere RAD-Führer, die betrachteten wir mit gemischten
Gefühlen. Na, wir werden ja sehen.
Im Saale sind viele Leidensgefährten.
Mit Lärm ordnen sich die Haufen. Wohin geht es eigentlich?
Bei dem einen steht "Cottbus" als RAD-Meldeamt,
beim anderen "Schillfelde". Die mit "Cottbus"
freuen sich, denn den Ort kennt man, der liegt nahe bei Berlin.
"Schillfelde" - nie gehört, wo liegt dieses
verdammte "Schillfelde"? Die Wahrheit sickert durch:
Schillfelde liegt in Ostpreußen, nahe der russischen
Grenze. Mein Gott.
Viele Kameraden sind "blau".
Transportführer ist ein Oberstfeldmeister.
Er verschafft sich Ruhe und verliest Verhaltensmaßregeln.
"Ihr werdet jetzt verladen!" Da beginnen einige
schon zu johlen. Und exakt an diesen Satz dachten wir später
oft: "Ihr werdet jetzt verladen!" Weitere Sätze
werden mit Händeklatschen begrüßt, so: "Das
Hinaushängen der Beine aus dem Fenster ist verboten!"
Die Kolonne wälzt sich zum nahen Bahnhof
Zoo. Auf dem Bürgersteig laufen Angehörige mit.
Von mir waren keine Angehörigen da, dies schien mir unpassend
zu sein. Auf dem Bahnsteig: "Achtung - Achtung! - Zurücktreten
- der RAD-Sonderzug!" Gegen 18.45 Uhr dampft der Sonderzug
los. Zu meiner Freude ergatterte ich einen Fensterplatz. Wir
fahren über Küstrin, Konitz, Dirschau.
Es wird immer kühler, je weiter wir
nach Osten kommen. In Berlin war die Temperatur noch gemäßigt,
jetzt sind schon Eisblumen am Fenster. Durch die Wandritzen
zieht ein eiskalter Wind. Wir rücken enger zusammen -
den Fensterplatz soll der Teufel holen. Doch andere traf es
noch schlechter: Die letzten Wagen sind ganz ohne Heizung.
Verfroren geben die Leute auf und verteilen sich auf die anderen
Wagen.
Es wird Tag, wir sind in Ostpreußen.
In Ostpreußen bin ich jetzt das zweite Mal. In Schloßberg
umsteigen in eine Kleinbahn. Auch dies ist ein RAD-Sonderzug.
So viele Wagen sind für ein einziges Lokomotivchen zu
viel. Man merkt es, und schließlich dampfen zwei Lokomotivchen
vorneweg. Und die Wagen, das sind vielleicht Kästen.
In der Mitte eines jeden Wagens steht ein biederer Kanonenofen.
Man sagte sich wohl seitens der Bahnverwaltung: Die werden
schon von selbst heizen, wenn sie frieren. So war es auch.
Kein Zweifel: Nun sind wir richtig
in Ostpreußen. Gemächlich stampft das Züglein
durch die Ebene. Es könnte gut heißen: "Blumen
pflücken während der Fahrt verboten!" Stiege
man vor einer Kurve aus, so könnte man am anderen Ende
der Kurve durchaus wieder einsteigen.