Ein Zivilmensch hat eine Zivilbrille - ein
RAD-Mensch hat eine RAD-Brille zu haben. So einfach ist das.
Demnach haben sich alle Brillenträger zum Optiker zu bewegen.
Einen solchen gibt es natürlich nicht im RAD-Lager, sondern
in Gumbinnen. Den Brillenträgern verschafft dieser Sachverhalt
eine hochwillkommene Abwechslung:
"20. Februar - Um 5 Uhr weckt der TvD
(=Truppführer vom Dienst). Die 'Kranken' sammeln sich bei
der Wache. 24 Mann ziehen in die Nacht. Der Schneesturm heult
über die weite Ebene, es ist ein mühsamer Marsch zum Bahnhof.
Kurz vor sechs Uhr dampft unsere Kleinbahn ab Richtung Schloßberg.
Das wurde eine Fahrt! Für die zwanzig
Kilometer benötigte das Bähnchen vier Stunden. Immer wieder
hielt es auf freier Strecke an, und zwar mit einem mächtigen
Ruck. Der Kopf prallte gegen die Holzlehne. Anschließend wieder
ein mächtiger Ruck, und man hätte den Kopf im Arm, wäre er
nicht angewachsen. Schuld an der Ruckerei waren die Schneeverwehungen,
welche die Gleise sperrten. Es gab zwar Holzzäune zum Schutz
der Gleise vor Schneeverwehungen, aber die Holzzäune waren
schon überweht. Heute Morgen war das Schneetreiben zwar zuende,
aber des Sturmes Gewalt brauste weiter über das offene Land.
Unsere Bimmelbahn stampft mal hundert
Meter nach vorn, und dann wieder fünfzig Meter zurück. Zum
Anlaufnehmen. Immerhin: netto kommt man jeweils fünfzig Meter
weiter. Es wird gelästert: 'Den Zug nehmen wir mit als Bügeleisen!'
- 'Der Zug fährt ratenweise, er ist noch nicht bezahlt!'
Das langsame Tempo kann uns nicht erschüttern:
Wir haben viel Zeit mitgebracht, insgesamt ein halbes Jahr.
Auch die Landbevölkerung ist gleichmütig: das ist jedes Jahr
so. Wenn man aber an den Berliner Stadtbahnverkehr denkt mit
seinem Minutentakt! So schnell entfremdet man dem Zivilleben.
Bei den Aufenthalten spaziert das Zugpersonal
nach vorne und beginnt mit dem Schneeschaufeln
Schließlich wird Schloßberg erreicht.
Bis zum Anschluß nach Ebenrode ist Ausgang.
Umsteigen nach Ebenrode,
der D-Zug steht auf dem anderen Bahnsteig. Girlanden schmücken
den Bahnsteig. Breite Spruchbänder spannen sich von Mast zu
Mast: 'Deutschland grüßt seine Heimkehrer - Willkommen in
der Heimat!'. Der Empfang gilt den umgesiedelten Litauen-Deutschen.
Im Zug nach Ebenrode - Gumbinnen.
Das sind Wägen nach unserem Geschmack: Polsterklasse.
14 Uhr Ankunft in Gumbinnen.
Mit dem Optiker eilt es nicht sehr. Die Sache ist außerdem
schnell erledigt. Ausgang bis 18.30 Uhr. Fotografieren lassen.
Ein Ferngespräch nach Berlin ist nicht zu machen. In einem
Café fühlen wir uns äußerst wohl: Plüschsofa und Kuchen und
Radio und Zeitungen und .. und ... Es ist eben zu viel von
dem, was man schon lange vermißt. Abends wollten wir wieder
in Schillfelde sein, daraus wird nichts. Wir kommen gerade
noch bis Ebenrode, und dann ist es vorbei mit dem Eisenbahnfahren.
Im Wartesaal machen wir es uns gemütlich, soweit man von gemütlich
sprechen kann. Vor Mitternacht rappeln wir uns nochmals auf
und schleichen zu einem nahen Gefangenenlager. In einer Baracke
schlafen wir in einer Landserstube. Wie die Toten.
Schon um 4.30 Uhr Wecken.
Todmüde. In zweiter Klasse nach Schloßberg. Schlafen, nichts
wie schlafen. In Schloßberg steigen wir gegen 9.30 Uhr in
die Kleinbahn. Und steigen wieder aus, weil das Züglein keine
Anstalten zum Abfahren macht.