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Absprechendes
Urtheil eines Reiseschriftstellers aus den Vierziger Jahren über das
Eisenbahnwesen |
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1845
von K. J. Clement |
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Es muss Einem grauen, so oft man wieder auf das
Eisenbahn-Thema stösst, dieses prosaische und gedankenlose Non-plus-ultra
unserer Tage. Das Eisenbahn-Vehikel ist ein wahres Monstrum, es
schiesst wie ein Krokodil in der Ebene hin, als führte es lauter
Zerstörung im Schilde, oder wie ein Wallfisch zwischen Eisfeldern,
wenn die Harpune ihn getroffen, es fliegt über den Boden, als wollte
es der ganzen Natur vorbei, ohne Zeit zum Sehen und zum Denken.
Seine gräulichen Töne charakterisiren unser musikmachendes Jahrhundert,
in welchem Alles und Jedes, was nur eben einen Ton angeben kann,
hörbar werden muss. Am ungeheuersten ist seine Erscheinung in verkehrsarmen
Ländern, wo es jede Minute über eine faule Stelle – something rotten
– jagt, welche seine Gegenwart inmitten einer uralten Ruhe und Langsamkeit
im grellsten Contraste zeigt. Die faulen Flecke bleiben noch und
es kann sie nicht ausreiben. Die Landleute sehen mit Staunen, und
das Vieh auf dem Felde mit Schreck und Ahnung das kommende Ungeheuer
an, welches die Aecker auseinander reisst, den Vielen das Brod aus
dem Munde greift, den Wenigen die Tasche füllt, das geringe Volk
verlockt, nicht mehr zu Fuss zu gehen, um seine übrigen paar Groschen
zu erobern, den Luxus mehrt, die Genügsamkeit zerstört, die Lebensbedürfnisse
allerwärts vertheuert und den zahllos gewordenen ärmeren Klassen
der Gesellschaft ihr Dasein schwerer macht. Auch bei verkehrslosen
Völkern heisst der Wahlspruch des Ungeheuers „Zeit ist Geld.“ Doch
hier ist dieser Wahlspruch eine Lüge, wenn sie in England und Amerika
eine Wahrheit ist. Die Eisenbahn gilt für ein Zeichen des bedeutenden
Fortschreitens unserer Zeit. Allein ist sie das auch in den Ländern
mit solchen Verfassungen, welche die gemeinsame Freiheit und den
Gesammtfortschritt der Nation hemmen? So lange die Verfassung eines
Landes das alte servile Leben conservirt, wird das Eisenbahn-Monstrum
diesem Lande weder Freiheit, noch industriellen Wohlstand bringen.
Bei den Eisenbahnen unserer Länder aber ist schwerlich Jemand um
des gesammten Volks, sondern nur um seiner selbst willen betheiligt.
Die Vortheile der Eisenbahnen in unfreien und verkehrslosen Ländern
sind keine allgemeinen Vortheile, sondern solche, welche einem verhältnissmässig
kleinen Theil der Totalbevölkerung zufliessen und zwar auf Kosten
eines grösseren Theils der geringeren Klassen im Volke. Die begeisterten
Eisenbahn-Panegyristen in autokratisch regierten Ländern tragen
die Merkzeichen ihrer eigenen Gesinnung an der Stirn. Deutschland
baut ein Netz von Eisenbahnen. Wer soll darin gefangen werden? Die
Fürsten oder die Völker? Denn in einem Netz fängt man Etwas. Was
will man darin fangen? Das Netz soll wahrscheinlich Goldvöglein
fangen? Aber manches Netz kriegt ein Loch, wo das Gefangene wieder
ausfällt. Es fragt sich, ob das deutsche Netz so gestrickt wird,
dass es kein Loch kriegt, und seine Goldvöglein wieder ausfallen.
K. J. Clement, Reise durch Friesland, Holland
und Deutschland im Sommer 1845. Kiel 1847.
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Quelle:
Stammbuch der neueren Verkehrsmittel. Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphen
und Luftschiffe. Eine Sammlung von Liedern und Gedichten, Aufsätzen
und Schilderungen.Herausgegeben von C. Löper. Lahr: Verlag Moritz
Schauenburg 1881. |
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SW: Verkehr,
Transport, Geschichte, Unterricht, Bildung, Schule, Arbeitslehre,
Sachunterricht, Technik, Eisenbahn, Schienenverkehr, Lokomotiven,
Bahnhöfe, Nahverkehr, Fernverkehr, Berufe, Augenzeugen, Industrialisierung,
Eisenbahngeschichte, Verkehrsgeschichte, Technikgeschichte, Medienerziehung,
Quelle, Dokument, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt |
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© 2003 Verkehrswerkstatt.de
Dr. Helmut Meschenmoser
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aktualisiert: 29.10.2003 |
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