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Als wir an ein Ackergebreite an der Eisenbahn
kamen, sagte der Bauer: „Sie können sich gar nicht vorstellen, was
für Geschrei und Aberglaube überall auf den Dörfern war, als man
die Eisenbahn anlegte. Man wird’s in hundert Jahren nicht mehr für
wahr halten, was man davon fabelte; denn jetzt schon kommt es Einem
vor, wie ein Traum nach einem Rausch. Noch jetzt, wenn man so am
Geländer steht und der Bahnzug braust daher, ist es Einem, als ob
der ganze Zug zermalmend auf Einen losfahre: damals aber haben die
Leute wirklich Schwindel davon bekommen. Ich will dessen gar nicht
gedenken, dass man wirklich und wahrhaftig geglaubt hat, der Teufel
allein habe den Bau zu Stande gebracht und er fahre dahin und käme
über’s Jahr wieder, um seine Opfer zu holen; der jüngste Tag sei
vor der Thüre. Die Leute sagten sogar, das Saatfeld ginge davon
zu Grunde, die Bäume sterben ab und die Dörfer werden in Brand gesteckt
und jetzt – sehen Sie, das gehörte zu meinen schlechtesten Aeckern
und nun ist es einer von den besten ... Die Bergwasser, die da herunterkommen,
haben den Boden zum ertrunkenen Lande gemacht, und ich habe meine
Nachbarn nicht dazu bringen können, dass wir eine gemeinsame Ableitung
anlegten; da hat die Eisenbahn einen Durchzug gemacht und wir haben
den besten, fetten Boden, der fast gar keinen Dünger braucht. Im
Bestellen und Einheimsen der Ackerfrucht ist die Eisenbahn freilich
hinderlich, weil die Bahnwärter mit ihrem Staatsdiener-Stolze keinerlei
Rücksicht wollen gelten lasse, aber das wird sich mit der Zeit schon
geben, und die Eisenbahn ist jetzt unsere beste Uhr, und es hat
doch etwas Prächtiges, dass man ganz genau weiss, wieviel es an
der Zeit ist, und die Genauigkeit und Pünktlichkeit, an die man
sich durch die Eisenbahn gewöhnen muss, ist in allen Dingen von
grossem Nutzen, so wenig man das auch noch deutlich bemerkt. Und
tagtäglich sieht man, von wie vielen Dingen man noch nichts weiss,
und das thut auch gut. Besonders die Kinder können sich die Eisenbahn
gar nicht aus dem Sinn oder gar nicht hinein bringen. Meine Kinder
wollen immer wissen, wie das mit dem Dampfwagen u.s.w. eingerichtet
ist und wie man das macht, und ich selber, wenn ich dastehe und
den Zug vorbeibrausen sehe und wenn ich mir den Telegraphen-Draht
da betrachte, der sich dahinzieht, muss oft denken: es ist doch
eine grosse Sache, was Menschenverstand zuwege bringt. Ich habe
mir drinnen auf der Hauptstation die Gläser und Kolben zeigen lassen,
mit deren Ausströmung der Draht beständig gefüttert wird; ich muss
sagen, ich verstehe es doch nicht recht, aber das habe ich behalten,
was mir der Telegraphen-Mann sagte: „Heutigen Tages ist der Mensch
so weit gekommen, dass er mit Sonnenstrahlen malt, mit Dampf reist
und mit Blitzen spricht.“ Und wenn ich mir so denke: Jetzt, in diesem
Augenblick, laufen unhörbar und schneller, als man’s sagen kann,
Worte durch den Draht dahin, und ein Land spricht mit einem andern,
und ich sehe nichts und merke nichts davon, da macht mich das Geheimniss
hier fast andächtig. Vor Zeiten hätten man diese Dinge nicht Geheimnisse,
sondern Wunder genannt, aber jetzt wissen wir, dass sie das nicht
sind: die Einen verstehen sie und die Anderen nicht; und es wird
eine Zeit kommen, wo wiederum Neues offenbar ist. Und ich denke
an die grossen Geheimnisse, die in der Welt und über ihr noch verborgen
sind, und Alles ist so gross, dass ich’s nicht fassen und nur anstaunen
kann, und ich danke meinem Geschicke, dass ich in einer Zeit lebe,
in der die Geheimnisse der Welt uns ganz nahe gerückt sind, und
seit ich das weiss, bin ich glücklicher. Ueber meinem Acker hin
ziehen unsichtbare Worte und auf meinem Acker auch steht das grosse
Räthsel der ganzen Welt, zu dem wir in Andacht aufschauen.“
Berthold Auerbach, Schatzkästlein des Gevattersmanns.
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