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Eine
Luft-Reise nach ein paar Jahrtausenden
Eine Vision |
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1862
von Hans Chr. Andersen |
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Ja,
in ein paar Jahrtausenden wird man auf Flügeln des Dampfes durch die
Luft herüber kommen über das Weltmeer. |
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Die
jungen Bewohner Amerika’s werden dann die Besucher Europa’s sein.
Sie werden wegen der historischen Denkmäler in Europa und wegen der
dann bereits wieder untergehenden Städte Europa’s herüberkommen gerade
so, wie wir jetzt nach den untergegangenen Herrlichkeiten von Indien
und von Süd-Afrika pilgern. |
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In
ein paar Jahrtausenden werden sie von Amerika herüberkommen! |
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Die
Themse, die Donau und der Rhein strömen noch dahin, der Montblanc
steht noch da mit seinem schneebedeckten Riesenhaupt, der Purpur des
Nordlichts umstrahlt noch wie am heutigen Tage die scandinavischen
Gebirge, doch eine Generation nach der anderen ist indessen zu Staub
und Asche geworden, und versunken und vergessen sind dann die Grossen
und Mächtigen des Tages, von denen jetzt Europa spricht, vergessen
wie Diejenigen, die bereits unter dem Hügel ruhen ... |
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„Nach
Europa hinüber!“ rufen die jungen Söhne Amerika’s – „nach dem Lande
der Väter, dem herrlichen Lande der Denkmäler und der Phantasie, hinüber
nach Europa.“ |
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Das
Luftschiff kommt; es ist mit Reisenden vollgepfropft, denn die Fahrt
ist ungleich rascher als zur See; der elektromagnetische Draht unter
dem Weltmeer hat bereits im Voraus das Aviso gebracht, wie gross die
Luftkaravane ist, und wieviel Personen die Fahrt mitgemacht haben;
– schon ist Europa in Sicht und zwar ist es die Küste von Irland,
die man erblickt, doch die Passagiere schlafen noch und wollen erst
geweckt sein, wenn sie sich bereits über England befinden: dort betreten
sie den Boden Europa’s im Heimathlande Shakespeare´s, wie es bei den
Söhnen des Geistes heisst, – im Lande der Politik, im Lande der Maschinen,
– wie die Anderen es nennen. |
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Da
bleibt man denn einen ganzen Tag, denn mehr Zeit hat das hastige Geschlecht
jener Tage nicht für England und Schottland zusammengenommen. Die
Fahrt geht weiter durch den La-Manche-Tunnel nach Frankreich, dem
Lande Carls des Grossen und der Napoleone; Moliére wird mit Stolz
erwähnt, die Gelehrten reden von einer klassischen Schule des fernen
Alterthums, man jauchzt und lässt Helden, Dichter und Männer der Wissenschaft
leben, von denen unsere Zeit noch nichts weiss, die indessen im ungeheuren
Krater von Europa, in Paris, noch geboren werden sollen. |
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Das
Luftdampfschiff fliegt dann über das Land (Spanien) hin, von welchem
Columbus seine Weltfahrt antrat, wo Cortez geboren war, und wo Calderon
in wogenden Versen seine Dramen schrieb; üppige Frauen, mit feurigen,
schwarzen Augen leben noch da in den blühenden Thälern, und die ältesten
Lieder preisen noch den Cid und die Alhambra. Weiter geht es durch
die Luft nach Welschland hinüber, dorthin, wo in uralter Zeit das
ewige Rom lag; es ist verschwunden, still und todt liegt die öde Campagna
da; nur von dem ehemaligen Dom von St. Peter zeigt man dem Wanderer
noch einige winzige Mauerreste, an deren Aechtheit indesssen Niemand
mehr recht glaubt. |
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Nun
nach Griechenland, um eine Nacht in dem prächtigen Hotel auf dem Gipfel
des Olymps zu schlafen, dann ist man doch dagewesen! |
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Löper,
Stammbuch d. n. Verkehrsmittel. |
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Die
Fahrt geht weiter zum Bosporus, um da ein paar Stunden zu rasten und
die Stelle zu sehen, wo einmal Constantinopel gestanden; an den selben
Ufern, woran nach einer Sage die hängenden Gärten des türkischen Serails
lagen, breiten nun arme Fischer ihre Netze aus. |
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Ueber
die Reste mächtiger Städte am Rhein und an der Donau, Städte, von
denen unsere Zeit noch nichts wusste, fliegt man dahin, nur hie und
da, – an einem einzigen Denkmal, welches jetzt noch nicht steht lässt
die Luftkaravane sich nieder und hebt sich dann wieder empor. |
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Dort
unten liegt Deutschland – welches vor Zeiten von einem dichten Netze
von Eisenbahnen und Kanälen durchzogen war, das untergegangene deutsche
Reich, wo Martin Luther sprach, wo Wolfgang Goethe sang und wo Mozart’s
himmlischer Genius einmal das Scepter der Töne schwang! Grosse Namen
strahlen da in Wissenschaft und Kunst, von denen wir noch nichts wissen.
Einen Tag Aufenthalt für Deutschland, und einen für den Norden, für
die Heimath Oersted’s und Linnès (Schweden), und für Norwegen, das
Land der Wikinger und der Nationalitätskämpen; die Insel Island wird
auf der Rückfahrt im Fluge besucht; der uralte Geiser kocht dann schon
längst nicht mehr und der Hekla ist erloschen, doch eine ewige Steintafel
der Sage wurzelt die einsame Felseninsel auch dann noch fest im brausenden
Weltmeer. |
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„In
Europa ist doch recht Vieles zu sehen“, sagt einer von den jungen
Amerikanern, „und wir haben es in acht Tagen gesehen, und das kann
man auch nach dem Manual des grossen Reisenden“ – hier wird der Name
angeführt, - „in seinem berühmten Reisehandbuche: „Ganz Europa in
acht Tagen“. |
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(Märchen und Geschichten, herausg. von Leinburg
und Andechs.)
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Quelle:
Stammbuch der neueren Verkehrsmittel. Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphen
und Luftschiffe. Eine Sammlung von Liedern und Gedichten, Aufsätzen
und Schilderungen.Herausgegeben von C. Löper. Lahr: Verlag Moritz
Schauenburg 1881. |
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SW: Verkehr,
Transport, Geschichte, Unterricht, Bildung, Schule, Arbeitslehre,
Sachunterricht, Technik, Eisenbahn, Schienenverkehr, Lokomotiven,
Bahnhöfe, Nahverkehr, Fernverkehr, Berufe, Augenzeugen, Industrialisierung,
Eisenbahngeschichte, Verkehrsgeschichte, Technikgeschichte, Medienerziehung,
Quelle, Dokument, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt |
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© 2003 Verkehrswerkstatt.de
Dr. Helmut Meschenmoser
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Eine Nutzung für den Unterricht ist freigegeben.
aktualisiert: 29.10.2003 |
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