Der bekannte Filmemacher und der nicht minder bekannte Lehrer
sitzen bei einer Tasse Kaffee in der Junisonne.
Die Männer wirken entspannt und machen
nicht viele Worte. Denn sie haben schon einmal gemeinsam ein Spielfilmprojekt mit
Kindern an einer Grundschule realisiert. ("Der
eiskalte Mord", 2003 an der Reinfelder Schule)
Der Lehrer skizziert seine Vision für das neue Projekt:
ein Koffer als durchgehend zentraler
Gegenstand in unterschiedlichen Funktionen in drei miteinander
verbundenen, ineinander übergehenden Kurzfilmen.
Der Filmemacher denkt an Shortcuts von Robert Altman, an Magnolia von Paul T. Anderson und freut sich über die konkrete Idee und die damit verbundene
Herausforderung.
Gut, sagt der Filmemacher, dann sollen sich die Kinder mal über
die Sommerferien als Autoren
versuchen, und jeweils eine Kurzgeschichte zum Thema Koffer schreiben,
mal gucken was dabei herauskommt.
Uns schwebt folgender Weg vor, den wir gemeinsam mit den 21
Kindern der 6C gehen wollen:
Geschichte aus dem Kopf > aufs Papier > in die Kamera >in
den Schnittcomputer >auf die Leinwand > in den Kopf...
Wir wollen ein Produktionsteam auf Zeit bilden, in dem alle
Kinder abwechselnd die verschiedenen Arbeits- und Gestaltungsphasen
und - Bereiche einer Filmproduktion kennenlernen und ausprobieren
können.
Wir nehmen uns vor, uns in erster Linie als Kreativ - Dienstleister
im Auftrag der Kinder zu verstehen.
Wir wollen gewährleisten, dass die kreativen Impulse der
Kinder sichtbar gemacht werden und in ihrem Sinne
in dem Film manifest werden. Ihr Wille geschehe.
Und sie haben die Chance, in vorgegebenen formalen Grenzen ihre
persönlichen
Freiräume zu entdecken und zu behaupten.
Und wir wollen
die, tja handwerklichen Standards garantieren, die gemeinhin
eher unterbewusst vom Publikum von einen "richtigen
Film" erwartet werden,
um sich auf den Inhalt einlassen zu können. (um nur ein
Beispiel zu nennen: Geräusche, die sich nicht mit der visuellen
Wahrnehmung in Einklang bringen lassen, lösen unterschwellige
Bedrohungsgefühle und Ablehnung beim Zuschauer aus).
Wir werden - soweit es mit unseren technischen Mitteln möglich
ist, die gängigen Rezeptionskonventionen des Alltagsmediums
Film/Fernsehen bedienen. Die Zuschauer sollen sich nicht aufgrund "verstörender" Sinneswahrnehmungen
emotional dem Film verschliessen können.
Wir wollen, dass die Kinder mit ihren Geschichten und dem Kern
ihres Schaffens von ihrem Publikum ernst genommen werden.
Wir wollen, dass sie gefragt werden: "Wie habt ihr das denn
hingekriegt?" Und wir wollen,
dass sie diese Frage, dann auch beantworten können.
Die Kinder wollen, dass der Film auf PRO 7 oder so läuft.
Die Herstellung eines Films soll den Wahrnehmungshorizont der
Kinder in Bezug auf das Medium Film/Fernsehen erweitern.
Die Kinder sollen am eigenen Leibe eine konkrete Vorstellung
von dem Aufwand bekommen, der betrieben wird,
um eine Geschichte auf die Leinwand zu bringen.
Und wir wollen die Kinder und uns selbst und die Zuschauer überraschen:
wie aus einer Vielzahl von kleinen Einzelleistungen und deren
Synchronisation und Koordination ein grosses Ganzes entsteht. Wird
unser Film ein Eigenleben hervorbringen? Wird er sich hier und dort selbständig
machen? Erfahren wir Dinge über uns, die wir vorher nicht wussten?
Fühlen wir etwas, was wir nicht geplant haben? Erreichen
wir, was wir uns vorgenommen haben?
Wir wollen gut planen und vorbereiten, aber trotzdem flexibel
bleiben, offen für Zufälle und Spontanes
was passieren wird:
Traumfabrik, Desillusion, Effekthascherei, entscheiden was man will,
Planung, unvorhergesehene Probleme lösen, Glück haben, Erfahrungen
einbringen, Behauptungen aufstellen, Gestaltung und Auswahl
des sichtbaren Bildauschnitts, Koordination von Handlung und Aufnahme.
In der Zeit und im Raum hin und her springen. Etwas zu sagen haben,
Spielzeugwaffen. Hamburger, Handys, Kunstblut, sich trauen, so tun
als ob, es ernst meinen, sich konzentrieren, sich wiederholen, genau
hinschauen, rumpuzzlen warten. Nicht mehr durchblicken, die Übersicht
behalten. Lob. Kritik. Lügen. Ehrlichkeit. Oberflächlichkeit.
Vereinfachung.
Und: "Das können Sie ja dann beim Schnitt im Computer
noch reinmachen"
Ganz klar formulierter Wunsch der Kinder ist: am Ende
des Films eine Zusammenstellung von OUTTAKES "verkackte
Szenen" wo was nicht geklappt
hat, wo jemand versagt hat, Aufnahmen in denen was lustiges,
nicht Geplantes zu sehen ist. Für die Produktionsphase haben wir:
- zehn Schultage als
Drehtage,
- einen Raum in der Schule, den wir durchgehend
belegen können, und in dem wir die verschiedenen
Dekorationen aufbauen können.
- eine 3Chip-Kamera (minidv) Stativ, Weitwinkelvorsatz
- externes Mikrophon, Kopfhörer
- drei 500 Watt Bauscheinwerfer auf Stativen. Styroreflektoren
- drei erwachsene Projektbegleiter, die eine Aufteilung in
kleinere
Arbeitsgruppen möglich machen.
- eine zweite Kamera von KIDS ON MEDIA
- einen alten Handkoffer vom Lehrer
unerfüllbare (Lehrer)Wünsche:
- ein Kinderfilm -Team, dass zusätzlich zu den eigentlichen
Filmaufnahmen
einen Film über den Film dreht.
- Postproduktion (Schnitt) mit Beteiligung der Kinder. (Der
Schnitt ist ein so komplexes
Gestaltungsfeld, das man diesem Bereich einen speziellen
Projektrahmen einräumen
müsste,
um es nachhaltig für Kinder erfahrbar zu machen
und: so wie jedes Kind einen Tuschkasten für den Kunstunterricht zur Verfügung
hat, müssten
vergleichbare technische Voraussetzungen vorhanden sein.
Und Zeit und Raum für intensive individuelle Anleitung
|
|