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Kinder machen Kunst mit Medien
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Ein Tag im Projekt der Reinfelder Schule
Studiobosseversion
Die Kinder haben insgesamt 50 Seiten Drehbuch geschrieben, die so
noch nicht zu realisieren sind, weil z.B. Drehorte wie der Flughafen
Miami nicht in Frage kommen. Der Lehrer und der Künstler haben
sich außerhalb der Schule getroffen und aus den Drehbüchern
der Kinder eine vereinheitlichte und vereinfachte, eine machbare
Version entwickelt. Wie wird der Künstler den Kindern diese
Veränderung vermitteln?
Der Künstler kommt zu spät und sagt, er hat verschlafen.
Die Kinder applaudieren
Als nächstes ruft er: „WILLKOMMEN BEI KOFFER PRODUCTIONS“.
Gelächter in der Klasse. Er hält das Drehbuch hoch und
erklärt, dies sei die „STUDIOBOSSEFASSUNG“. Das
ist ein Hauptelement seines didaktischen Vorgehens: er inszeniert
das Projekt als professionelle Produktion, an der die Kinder teilhaben
können. Alles soll möglichst so sein, wie bei einer echten
Filmproduktion - darüber wird fast alles erklärt und legitimiert.
Die Kinder eignen sich diese Strategie direkt an: ihr Protest bei
der Ankündigung, dass in den zwei Wochen u.a. auch eine Mathearbeit
geschrieben wird, lautet: „das stört die Dreharbeiten!“.
Der Künstler weist auch darauf hin, dass in einer echten Produktionsfirma
die Studiobosse die Autoren und Drehbuchschreiber fragen müssen,
ob sie mit den Änderungen einverstanden sind. In der Folge geht
es darum, dass die Kinder die Änderungen, die der Lehrer und
der Künstler vorgenommen haben, genehmigen.
Die Drehbücher für die drei Geschichten werden Satz für
Satz gelesen, reihum, wobei die, die nicht lesen wollen das auch
nicht müssen - es sind einige mit Leseschwäche darunter,
die sich nicht exponieren wollen.
Beim Lesen ist die Stimmung konzentriert. Die Kinder achten sehr
genau auf die Veränderungen. Einiges wird rückgängig
gemacht, oder es werden mit den „Studiobossen“ Kompromisse
ausgehandelt. Die Kinder lassen sich Fachbegriffe und technische
Realisierungen wie „Stop motion“ oder „aus dem
Off“ vom Künstler erklären und weisen auf inhaltliche
Unstimmigkeiten hin. Es ist ihnen weiterhin unklar, warum die Übergänge
mit den Koffer sein müssen - „vorhin war doch Geld in
dem Koffer, wie können da jetzt Medikamente drin sein????“ Ich
finde spannend, dass das, was von uns „top-down“ durchgedrückt
wurde, für die Kinder so schwer nachzuvollziehen bleibt. Genauso
bleiben die Kinder gegenüber inhaltlichen Änderungen, die
der Künstler vorgenommen hat, um das Drehbuch aus seiner Sicht
interessanter zu machen, skeptisch. So hat er in die letzte Szene,
die einen Weltuntergang enthält, einen Verweis auf das Gedenkgleis
für die Judendeportationen am S-Bahnhof Grunewald eingebaut.
Das evoziert Seitens der Schüler demonstrativ gelangweilte Reaktionen „-
Ja-AAAA, kennen wir! Da waren wir schon in Reli! Das war total langweilig.“ Der
Verweis bleibt erhalten, denn dem Künstler geht es auch darum,
in dem Projekt seine eigenen Interessen und Ansprüche zu verwirklichen
und mit denen der SchülerInnen zu verbinden.
Casting
Künstler: Was ist nun der nächste wichtigste Schritt in
der Produktionsfirma?
Kinder: Die Rollen besetzen!!!
Das Casting ist ebenso wie die Drehbucherstellung Verhandlungssache
zwischen Künstler und SchülerInnen. Manchmal folgt er ihrem
Votum, manchmal entscheidet er als Studioboss selbst, welchen der
Bewerber er für eine Rolle am geeignetsten findet. Grundsätzlich
stärkt er dabei diejenigen, die großes Interesse am Spielen
einer Rolle haben. Spannend wird es bei der Besetzung der einzigen
tragenden weiblichen Rolle, der „undurchsichtigen Rita“ in
der Doping - Geschichte. Drei Mädchen melden sich dafür.
Der Künstler sagt, dass er sich nicht entscheiden kann und die
Klasse abstimmen lassen möchte. In dieser konkurrenten Situation
passiert etwas wunderbares: niemand hebt bei einem der Mädchen
die Hand. Die SchülerInnen haben keine Lust, zu entscheiden,
wer spielen darf und wer nicht. Die Besetzung der Rolle wird ausgelost.
Nun sind für restlichen weiblichen Mitglieder des Klassenverbandes
nur noch Statistinnenrollen (der Künstler sagt, das sei „Schwenkfutter“ und
weist selbst auf die Assoziation zu „Kanonenfutter“ hin)
und die Rollen von zwei „Olympiahostessen“ zu besetzen.
Kein Mädchen will eine Olympiahostess spielen, weil man da Jungs
küssen muss. Die Rolle wird schließlich zweien von ihnen
vom Künstler zugewiesen.
Zwischendurch ist es bei der Rollenbesetzung manchmal ein wenig unruhig
in der Klasse, wegen der Aufregung und der vergleichsweise offenen
Struktur, doch das hält sich wirklich in Grenzen. Lehrer und
Künstler ergänzen sich perfekt in der Gestaltung der Situation,
auch was die Disziplinierung angeht.
Drehpläne
Nach der Pause wird der Drehplan für die kommende Woche organisiert.
Dabei wird klar, dass die, die jeweils nicht am Dreh beteiligt sind,
weiter Unterricht machen. Jetzt wollen alle zumindest Schwenkfutter
sein. Der Künstler kündigt an, dass das ausgelost wird.
Alle Kinder notieren, was sie am nächsten Tag für Requisiten
und Kostüme mitbringen müssen. Viele denken dabei engagiert
mit, es fallen ihnen immer mehr Details ein. Handtaschen, Sonnenbrille,
noch mehr Knarren. Es wird diskutiert, wie die Bank heißen
soll. Eine große Gruppe stimmt den Sparkassen – Jingle
an. Theo wird heute noch zur Sparkasse gehen und Zubehör für
die Ausstattung besorgen. Wer geht zu MacDonalds und holt dort Zubehör
für die Ausstattung? Gemeinsam wird überlegt, wie ein Koffer
voller Geld zustande kommen könnte. Alle werden am nächsten
Tag alte Devisen mitbringen.
Ben (?) hat eine Waffe dabei, die täuschend echt aussieht. M: „keiner
rennt durch die Schule und schwenkt Waffen“. Er erzählt
eine Geschichte aus der Zeit von dem Amoklauf an einer Schule in
Erfurt, wo eine Direktorin überreagiert hat und spielende Kinder
auf dem Schulhof mit einem Terrorkommando verwechselte.Der Künstler
trägt sein Wissen über Waffenrequisiteure an professionellen
Sets bei.
Der erste Dreh
Am nächsten Morgen haben die SchülerInnen die nötigen
Requisiten und noch viel mehr mitgebracht. Es gibt mindestens 5 Pistolen,
die alles sehr ähnlich echt aussehen und richtig Gewicht haben.
Die „KundInnen“ und das Kamerateam werden als erstes
abgeordnet, zum Aufräumen ins Studio – einem alten Akustiklabor
für schwerhörige Kinder, das nicht mehr in Gebrauch ist.
Hier räumen die SchülerInnen zunächst ein großes
Chaos an Spielsachen und alter Ausstattung weg., Anfangs skeptisch,
ob es gelingen wird, in diesem Raum die Situation eines Banküberfalls
zu inszenieren, sind sie am Ende sehr zufrieden. Sie haben Spaß daran,
mit den Sachen, die ein Schüler aus einer Sparkasse mitgebracht
hat, den Bankschalter zu arrangieren und das Logo der Bank zu malen.Eine
Schülerin erzählt dem Künstler, sie sei zu einem Casting
eingeladen, für einen Film „Urlaub vom Leben“. Projekt
und Medienrealität überlagern sich. Eine Rigipsfläche
bekommt ein Schild „hier entsteht demnächst ein Geldautomat
für unsere Kunden“, was verblüffend vertraut an eine
Berliner Sparkassenfiliale erinnert. Dieser sichere Griff war eine
Idee des Künstlers.
Nun ist alles bereit für eine „Kostümprobe“.
Der Künstler erteilt dem Schüler, der den Bankräuber
spielt, Anweisungen. Dabei stahlt er Zielstrebigkeit, Know-How und
professionelle Autorität aus: „Für die Kamera ist
es wichtig, dass du dich langsam bewegst.“. Der Schüler
schaut beeindruckt und versucht, mitzuhalten.
Der Künstler interviewt alle SchülerInnen kurz über
ihre Rollen, damit sie sich richtig hineindenken: „Was willst
Du in der Bank? Wo kommst Du her, wer bist Du?“
Dabei entwickelt er mit ihnen noch ein paar Details: „Kram
mal in der Handtasche nach deiner Bankkarte, hol sie heraus. – Du,
beug Dich hier hinüber und füll das Formular aus“.
Dann beginnt der erste Durchlauf. Alles ist noch sehr skizzenhaft.
Anton vergisst, die KundInnen auf den Boden zu schicken. Bis zur
Pause gibt es 5 Durchläufe, wobei sich die Szene immer weiter
entwickelt. Der Künstler erklärt den Kindern das Prinzip
mehrerer Einstellungen. Insgesamt wird diese eine Szene „vier
ganze Schulstunden lang!!“, wie ein Schüler genervt bemerkt,
gedreht. Doch alle sind unendlich geduldig und ernsthaft bei der
Sache. Das Versprechen der Professionalität bewirkt dies: diese
Kinder wollen ihren Film machen, es ist egal, wie lange sie dabei
arbeiten oder auch einfach rumsitzen müssen. Die schauspielerische
Qualität und die Detailfreude steigern sich mit der Zeit. Allerdings
gibt Der Künstler gibt dabei detaillierte Anweisungen und übernimmt
des öfteren die Kamera selbst – die dann auch von einem
Schüler irgendwann zurückgefordert wird.
Ich nutze die Zeiten, wo die Kinder rumhängen und auf ihren
nächsten Einsatz warten, um sie zu befragen. Sie sagen übereinstimmend,
dass es anstrengend ist, und das Warten nervt, dass es sehr schwierig
ist, an alles gleichzeitig zu denken – Text, Bewegungsabläufe,
Kamera, Umgang mit Requisiten. Dass das Drehen aber auch großen
Spaß macht.
Ein Schüler wartet stundenlang hat den ganzen Tag auf seinen
Einsatz als Kameramann gewartet, der bei einer Szene vorgesehen,
in der das in einem Müllcontainer versteckte FBI-Team den Räuber
auf dem Schulhof stellt. Diese entfällt, und zwar aus folgendem
Grund:
Ausgerechnet heute wird um 12 Uhr für die Opfer von Beslan (?
Name der Stadt wußte keiner richtig, ich auch nicht!!!!) an
allen Berliner Schulen eine Gedenkminute eingelegt, und die Direktorin
findet es deshalb unpassend, dass die Schüler am heutigen Tag
auf dem Hof mit Spielzeugpistolen eine Krimi-Szene drehen. Das Argument
der Kinder, „aber wir drehen dort doch keinen Überfall,
sondern wie der Räuber gefasst wird!“ wollte nicht fruchten:
keine Gewaltinszenierungen an diesem Tag, so die unumstössliche
Anweisung. Vielleicht führt die Tatsache, dass wir auch die
realen Terrorakte nur als amateurhafte Videobilder kennen, zu dieser Überdetermination
der von den Kindern dargestellten Szenen.
Am Ende des Tages frage ich den Künstler, ob er heute mit den
Kids das Material noch sichtet (das wäre für mich ein Grund
gewesen, bis zum Ende des Tages zu bleiben). Er sagt, nein, das sei
demotivierend, die Kinder würden denken, das sei doch noch nichts – und
außerdem sei es ein Privileg, das ungeschnittene Material zu
sehen, das Schauspieler nicht hätten, höchstens echte Stars!
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Carmen Mörsch |
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