Kinder machen Kunst mit Medien
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Antworten auf Leitfragen Kiezcomics
Robert Conev

Das Projekt Kiezcomic habe ich, Robert Conev, als Maler zusammen mit dem Lehrer Torsten Braunsdorf an der Carl-Kraemer-Grundschule, einer kunstbetonten Ganztagsschule, in Wedding durchgeführt. Beteiligt am Projekt waren letzten Endes sechs Mädchen und vier Jungen der sechsten Klasse, die alle ausländischer Herkunft sind.
Viele der Kinder haben zu Hause einen Computer stehen.
Die Zusammenarbeit mit Torsten Braunsdorf ging aus einem vorherigen Projekt von Pro Artis hervor, in dessen Rahmen ich bereits an der Schule als Künstler tätig war. Das Projekt „Kiezcomic“ schloss sich direkt an diese Tätigkeit an. Es dauerte dreieinhalb Monate. In dieser Zeit haben wir uns insgesamt 17 Mal mit den SchülerInnen getroffen um zu arbeiten, in der Regel für zwei Stunden, manchmal auch ganze Projekttage über.
Ziel des Projekts war, ein Comicheft zu produzieren, wobei die Schüler sich sowohl die einzelnen Geschichten selber ausdenken als auch anschließend selber zeichnen, bzw. am Computer bearbeiten sollten.
Die Idee ein Comic zu verfassen wurde bei mir noch während der Arbeit im Rahmen von Pro Artis geboren. Es fiel mir auf, dass die Kinder diese Ausdrucksform aus eigenem Antrieb häufig wählen und das Medium Comic bei ihnen eine hohe Popularität einnimmt. Besonders beliebt war es, Helden aus dem japanischen Manga-Comic nachzuzeichnen.Im Comicprojekt sollte dieser Drang sich auszudrücken gefördert werden. Das Zeichnen sollte dabei aber über die reine Reproduktion von vorgefertigten Figuren hinausgehen.
Ein "Kiez" - Comic sollte es deshalb werden, um den SchülerInnen die Möglichkeit zu geben, sich kreativ mit Eindrücken und Erfahrungen aus dem Alltag auseinanderzusetzen.
Die Vor- und Nachbereitung zu den einzelnen Projektstunden fanden ein- bis zweimal pro Woche statt. Bei diesen Treffen waren nur Torsten Braunsdorf und ich anwesend. Dabei haben wir die vergangene Stunde ausgewertet und das weitere Vorgehen besprochen.

Bei der Arbeit am Kiezprojekt kam allen Beteiligten sehr entgegen, dass das Projekt im Rahmen des Unterrichtsfaches „BK – Bildende Kunst“ integraler Bestandteil des Unterrichts war. Für die Kinder bedeutete dies keinen zusätzlichen Zeitaufwand und sie erschienen auch zuverlässig.
Leider konnte aber nicht die ganze Klasse am Projekt teilnehmen. Die Technik in Form von zehn Laptops war nicht schuleigen. Sie wurde durch das LISUM für die Dauer des Projekts zur Verfügung gestellt, und das LISUM hatte nur zehn Geräte.



Nachdem im ersten Monat die Geschichte verschriftlicht und verbildlicht wurde, musste die Klasse geteilt werden, nur zehn Schüler konnten letztendlich ihre Entwürfe am Computer bearbeiten. Da die Kinder ihre Geschichte jeweils zu zweit ausgedacht und bildlich umgesetzt hatten, wählten wir aus jedem Paar einen Schüler aus, der das Projekt am Laptop beenden sollte. So wollten wir auch vermeiden, dass ein und dieselbe Geschichte zweimal im Heft erscheint.
Kriterien bei der Auswahl waren die zeichnerischen Fähigkeiten der SchülerInnen. Torsten Braunsdorf entschied außerdem verhaltensauffällige Schüler von der Arbeit mit den Laptops aus Sicherheitsgründen auszuschließen. Es ist letztlich gelungen, eine heterogene ausgewogene Gruppe zusammenzustellen.

Zur Verfügung stand uns folgende Technik: zehn Laptops mit Mäusen für die SchülerInnen, sowie ein Lehrerlaptop für mich. Gearbeitet wurde mit dem Programm Photoshop Elements. Eine externe Festplatte mit 120 Gigabyte wurde von KUBIM gekauft, um die Daten sammeln und sichern zu können. Um Arbeitsabläufe zu veranschaulichen sowie für die Präsentation am Ende des Projekts stand der schuleigene Beamer zur Verfügung.

Wie die SchülerInnen jeweils mit dem Medium umgingen, wie ihre unterschiedlichen Fähigkeiten jeweils gefördert wurden und welche Aufgaben und Rollen sie im Rahmen des Projekts annahmen, habe ich ausführlich im Logbuch beschrieben, weshalb ich an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen will. Vielmehr will ich die Aufgabenverteilung innerhalb der Konstellation Lehrer/Künstler/Kinder deutlich machen:
Die Kinder übernahmen den kreativen Part des Projekts. Sie dachten sich ihre Geschichten nach einer kurzen Einführung selbstständig aus und setzten sie selbstständig zeichnerisch um. Auch die Bearbeitung am Computer führten sie in Eigenregie durch. Torsten Braunsdorf und ich übernahmen dabei zwei verschiedene Rollen: Torsten Braunsdorf war „der Pädagoge“, auch in dem Sinne, dass er für die Kinder als Lehrer eine Respektsperson darstellte und er sie, wenn nötig, zurechtwies. Bei Entscheidungen und Beurteilungen während des Projektverlaufs bezog er pädagogische Kriterien mit ein. So war es ihm bei den Geschichten beispielsweise wichtig, Sprachförderung zu integrieren, seine Aufgabe war die schülerbezogene Organisation (er empfahl den Ablauf und die Struktur des Unterrichts). Auch Gruppengespräche verliefen vorwiegend unter seiner Moderation.

Ich dagegen wirkte als „Künstler“. Meine Aufgabe sah ich darin, den Kindern die einzelnen Arbeitsschritte zu erklären sowie mit ihnen zu Beginn des Projekt die zeichnerischen Spezifika des Genre „Comic“ zu erarbeiten. Es war mir wichtig, in ihnen ein Bewusstsein für die zeichnerischen und erzählerischen Möglichkeiten des Comics zu wecken. Dazu nutzte ich, nach einer kurzen Überblicksdarstellung vor der ganzen Klasse, dann vor allem das Einzelgespräch, was angesichts der geringen Größe der Gruppe auch leicht zu finden war. Im direkten Gespräch fiel es mir leicht, individuell auf Stärken und Schwächen des Schülers in Theorie und bildlicher Umsetzung einzugehen. Diese Methode hat sich als sehr effektiv erwiesen, wie im Einzelnen dem Logbuch zu entnehmen ist.
Gleichzeitig war es mir wichtig, den Kindern kreative Freiheit zu lassen. Durch Fragen und Vorschläge hab ich die Kinder bei ihrer Arbeit an der Geschichte und der Zeichnung motiviert.
In meinem Wirken fühlte ich mich weder eingeschränkt noch beeinflusst, im Gegenteil: Ich empfand die Zusammenarbeit mit Torsten Braunsdorf als sehr fruchtbar. Wenn es Meinungsverschiedenheiten gab, konnten diese immer im Gespräch gelöst werden.

Eine Überraschung im Projekt waren die Schüler selber, die wir teilweise unterschätzt hatten. Am Projektag, an dem wir die Sprechblasen und Texte eingesetzt haben, beispielsweise, hatten wir mit einem eher langsamen Vorankommen der Schüler gerechnet. Doch das Gegenteil trat ein, denn die gestellte Aufgabe fiel ihnen viel leichter als gedacht.
Eine weitere Überraschung war der Enthusiasmus der Kinder beim Erfinden von Geschichten. ("Gruseln", siehe Logbuch) Torsten Braunsdorf war überrascht von der geringen Ausdauer der Kinder am PC. Er geht aus dem Projekt mit der Erfahrung, dass die Kinder nicht mehr als drei Unterrichtsstunden arbeiten sollten, wenn dieses Arbeiten effektiv sein soll. Die Resultate haben mir großen Spass gemacht und begeisterten auch Freunde, denen ich sie am PC zeigte.

Auffallende "Machtverhältnisse" habe ich innerhalb der Gruppe nicht beobachtet. Dafür konnte ich aber feststellen, wie der Schüler Burak Ürkmez, der eine schnelle Auffassungsgabe hat und sehr kompetent war, und sich zugleich ausgesprochen hilfsbereit gegenüber lernschwächeren Schülern zeigte, sowohl seitens der Lehrer als auch der Schüler ein gewisses "Prestige" gewann.
Das Verhältnis unter den SchülerInnen war auch deshalb sehr ausgewogen, weil sie unterschiedliche Schwächen und Stärken hatten. Manche waren stärker im Zeichnen, andere in der Technik. Burak hatte beim Zeichnen beispielsweise Hilfe benötigt, später half er seinen KlassenkameradInnen am Computer.
Außerdem lag die Kreativitätshoheit beim Schüler selber, was Machtverhältnisse oder hierarchische Strukturen im Rahmen des Projekts nicht aufkommen ließ. Jeder war der eigene Chef des eigenen Comics.

Die Geschlechterverhältnisse in der Gruppe waren anfangs distanzierter. Bei der ersten Sitzordnung, die die SchülerInnen selber wählten, setzten sich Jungen und Mädchen getrennt voneinander. Als wir diese Sitzordnung "durchmischten" (siehe Logbuch) machten wir damit gute Erfahrungen im Umgang und der Zusammenarbeit der Jungen und Mädchen miteinander.

Ergebnis des Projektes ist ein 40-seitiges Comicheft mit zehn verschiedenen Geschichten. Die Kinder und der Lehrer haben Erfahrungen im kreativen Benutzen des Bildgestaltungsprogramms gesammelt. Das für mich persönlich wichtigste Ergebnis war das Realisieren und Durchführen des Folgeprojekts, die Kinder auf großen Leinwänden zu portraitieren.

Die ausgedruckten Comics zeigen im zeichnerischen, erzählerischen, farbkompositorischen eine sehr gute Qualität, die von allen Beteiligten erkannt wird. Die Kinder waren sehr stolz auf das fertige Comic. Sie waren auch in den Entstehungsprozess stark miteingebunden. Wir gingen Schritt für Schritt vor, und stellten unsere Pläne gegebenenfalls aber auch wieder um, wenn wir merkten, dass die SchülerInnen über- oder unterfordert waren.

Während des gesamten Projektes benutzten wir drei unterschiedliche pädagogische Herangehensweisen: Zum einen Einzel- oder Gruppenbetreung durch Lehrer und Künstler, zum anderen sollten sich die Schüler bei Problemen selber gegenseitig helfen (was vor allem gegen Ende des Projektes der Fall war). Die Einzelbetreuung war wichtig, wenn es um Probleme mit dem Bildbearbeitungsprogramm ging oder bei der bildnerischen Umsetzung zu Anfang des Projekts. Das Photoshop-Programm funktioniert wie ein kleines Labyrinth, in dem man sich ohne Orientierungshilfen schnell verlaufen kann. Bei jedem Schüler treten allerdings ganz unterschiedliche Fragen auf, die man am schnellsten und effektivsten individuell beantwortet. Ansprechpartner bei solchen Fragen war der Künstler.
Zu Anfang des Projektes stand noch mehr die Gruppenbetreuung im Vordergrund, was deswegen sinnvoll war, da die SchülerInnen noch vor ähnlichen Aufgaben und Problemfeldern standen. Je individueller und selbstständiger das Arbeiten im Verlauf des Projektes wurde, desto wichtiger wurde die Einzelbetreuung. Und je sicherer sich die SchülerInnen in ihrer Arbeit wurden, desto häufiger halfen sie sich dann auch gegenseitig.
Bei beiden Herangehenweisen versuchten wir bei den SchülerInnen ein großes Maß an Selbstständigkeit, Eigenverantwortlichkeit und entscheidungsfreudigem Verhalten zu fördern. Es war uns wichtig, für die Kinder Freiräume zu schaffen, bei denen sie sich, losgelöst von Lehrer und Künstler, ausprobieren konnten. Wir gaben ihnen lediglich Hilfsmittel in die Hand (Arbeitspfade, um verschüttetes Wissen wieder hervorholen zu können) und ließen sie dann alleine machen.

Im Nachhinein muss man jedoch einräumen, dass wir bei solch anspruchsvollem, intensivem Arbeiten, zu dem wir die Kinder anspornen wollten, auch mehr Entspannungsmomente in den Prozess hätten einbauen sollen. Manche SchülerInnen waren teilweise überfordert. Hier wäre es natürlich sinnvoll, beim nächsten Mal Themeninhalte auszuwählen, die Partnerarbeit zulassen. So könnten stärkere und schwächere Schüler zusammenarbeiten. Wichtig für die Gruppendynamik innerhalb der ganzen Klasse wäre es auch, wenn genügend Hardware für alle SchülerInnen zur Verfügung steht und wirklich alle Kinder in das Projekt miteingebunden sind.

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