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Ihr habt das erste Mal mit behinderten Kindern gearbeitet.
Rainer Sioda:
Die waren damals 4a und sind jetzt 5a. Diese Klasse war die erste
Klasse mit Grundschülern und die erste Klasse mit körperbehinderten
Kindern, mit der wir gearbeitet haben.
Wir hatten erst Angst, dass wir unsere Medienpädagogischen
Erfahrungen irgendwie runterrechnen müssen. War aber kein Problem,
weil sich der Ansatz, den wir hatten, gleich mit denen raus zu gehen,
Lebensumfelderkundung, aber auch mit humorvollen Szenen, das haben
die Kinder sofort aufgenommen und waren begeistert. Und wir waren
auch begeistert von der Art, wie die auf Leute zugehen, wie die
mit Leuten sprechen und wie die versuchen, zum Ergebnis zu kommen.
Ein Film zeigt ein Mädchen, dass einen Mann im Park auffordert,
mit seinem Hund zu tanzen.
Rainer Sioda:
Der erste Tag dort im Park Friedrichshain, es war kalt dort, den
ganzen Tag haben wir mit Hundebesitzern geredet, das war eine tolle
Erfahrung. Da steht man hinter den Kindern, guckt zu und denkt `wow,
das ist es`. Mann mit grauem Mantel und einem kleinen schwarzen
Hund, und der tanzt auch noch. Das passiert nur, wenn man rausgeht
und sagt: `Wir werden sehen, was passiert`.
Die Kinder haben Leute auf einem S-Bahnhof dazu gebracht,
dass sie vor der Kamera hoch hüpfen, wenn Kinder auf einen
Gameboyknopf drücken. Haben die Kinder die Leute angesprochen?
Rainer Sioda:
Ja, wenn wir die Leute angesprochen hätten, hätten die
das wahrscheinlich nicht gemacht. Man müsste demnächst
vielleicht auch mal filmen, was so nebenbei passiert. Es macht Spaß,
denen zuzugucken, wie die auf Leute zugehen und sie davon überzeugen,
bei solchen Sachen mitzumachen.
Kriegen die Lehrer einen neuen Blick auf ihre Kinder?
Rainer Sioda:
Ich denke schon. Die Lehrer können von draußen schauen.
Die Lehrer beschreiben die Kinder als sehr ich-bezogen und
dass es oft zu Streitereien in der Klasse kommt. Habt ihr so etwas
im Projekt gemerkt?
Rainer Sioda:
Ja, permanent. Es gibt in der Klasse wenig Bereitschaft zu Teamwork.
Was nicht bedeutet, das sie nicht zusammen arbeiten können,
aber im Grunde genommen sind das Einzelkämpfer. In der Zuwendung
zueinander, da gibt es Probleme. Ich glaube, dass das daran liegt,
dass es eine sehr kleine Klasse ist mit körperbehinderten Kindern
und ganz unterschiedlichen Behinderungen. Die haben einen sehr hohen
Betreuungsschlüssel. Das hat bestimmt Vorteile, hat aber sozial
auch Nachteile.
Den Produkten sieht man das nicht an. Medienarbeit ist meist
Teamarbeit.
Rainer Sioda:
Wenn die Themen besprochen werden, werden auch Aufgaben verteilt.
Du machst den Ton, du machst die Kamera, du sprichst die Leute an,
du machst das Interview. Die Sachen sind vorstrukturiert. Dadurch
sieht das dann so aus, als ob alles reibungslos funktioniert.
Wir wollen die Kinder nicht dem aussetzten, dass wir sagen, wir
haben da eine vage Idee und es passiert nichts. Wir planen genau
und machen eine Einführung. Die Kinder merken vor Ort, dass
es sofort in eine Bahn kommt, so dass man zum Ergebnis kommt. Niemand
steht ratlos rum und ist frustriert.
Kommt es auch vor, dass ihr bewusst mit unsicheren Elementen
arbeitet?
Rainer Sioda:
Es passieren immer genug unsichere Sachen vor Ort. Die Vorbereitung
bedeutet nicht, dass wir minuziös sagen, was gemacht wird.
Wir haben eine Grundidee.
Wenn man ein Interview filmt, wissen die Kinder vorher, dass es
zwei Einstellungen gibt und wie man die Kamera bedient.
Bei dem Bahnhofsprojekt gab es ein drittel der Ideen vorher. Viele
Ideen entstehen dann vor Ort, wenn man sagt: guckt euch mal an,
was hier passiert, was fällt euch noch ein?
Ihr bringt viel pädagogische Professionalität mit
ein.
Rainer Sioda:
Gerade in der Medienpädagogik, von dem, was ich teilweise so
sehe, gibt es Ansätze, die davon ausgehen: ja, die Kinder haben
schon alle irgendwelche Erfahrungen und jetzt machen wir irgendwas.
Und dann wird irgendwas gemacht. Oft leider mit dem Ansatz, eine
Software kennen zu lernen. Und dann wird gesagt, wenn die Kinder
vier Tage an einem Bildbearbeitungsprogramm sitzen und einen Kopf
in den anderen montieren, ist das schon eine kreative Entäußerung.
Oder wenn ein Kind einen Filter nimmt, dann ist das schon eine Entäußerung,
weil das Kind nicht zufällig den Filter gewählt hat. Davon
halte ich gar nichts.
Gibt es auch Klassen, von denen ihr mehr erwartet, dass sie
sich selbst strukturieren?
Rainer Sioda:
Es gibt ja auch eine Zusammenarbeit mit der Steinwald-Schule. Die
bringen viel mit. Da kommt immer ein Teil von denen. Das sind lernbehinderte
Kinder und da gibt es natürlich einen Teil von sogenannten
"normalen" Kindern. Das ist dann immer sehr komplex und
wir strukturieren gemeinsam. Da muss man sehen, wer was macht. Aber
ich halte nichts von einer Pädagogik, die sagt: Ja, wir holen
die Kinder da ab, wo sie gerade sind und oft werden sie da eben
auch liegen gelassen.
Das ist die Frage, was du entwirfst, wo die Kinder sein müssen.
Du musst immer mitreflektieren, welches Bild du dir von den Kindern
machst.
Rainer Sioda:
Bei der Arbeit mit Medien geht es zuerst immer darum, zu versuchen,
mit den Kindern ein Thema zu erarbeiten und dann fragt man: Wie
können wir uns dem jetzt nähern? Da sind die Mittel erst
mal nicht so schwer. Es gibt eine Digitalkamera, eine Videokamera,
alles sehr einfach zu bedienen, dauert in der Vermittlung eine halbe
Stunde. Damit sie wissen, welchen Knopf sie drücken müssen,
das ist einfach so. Und es ist auch gut, wenn man ihnen vermittelt,
dass es besser ist, wenn das Ding auf einem Stativ steht und sagt:
zoomt nicht immer hin und her, der Zuschauer wird wahnsinnig. Das
kann man ihnen ja vorher sagen. Wir haben ja Erfahrung. Wir sind
ja nicht Pädagogen, die sagen: Wir wissen von nichts und mit
euch zusammen lernen wir alles neu.
Ihr garantiert mit eurer Erfahrung ein gutes Produkt.
Rainer Sioda:
Genau!
Vielen Dank für das Gespräch.
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