Kinder machen Kunst
mit Medien
Replik zu Carmen Mörschs und Constanze Weths „Einfällen und Fragen beim Betrachten der CD-ROM zum Projekt ’Zauberlehrling’“

Marianne Friedrich

Diskussion der Projektergebnisse

Dieser Text antwortet auf:
Mörsch/Weth: Einfälle und Fragen beim Betrachten der CD-ROM zum Projekt "Zauberlehrling"


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Reflexion und Debatte

Impressum

Zu 1.
Ja, der Zauberlehrling von Goethe ist grauenhaft, und das ist gut so.

Denn alle Märchen, und als ein solches betrachte ich diese Ballade im weitesten Sinne, sind an dem Punkt bewusst grauenhaft, wo sie Kinder emotional ansprechen wollen.
Was im Zauberlehrling in den Vordergrund gestellt werden soll, ist nicht die Erziehung zum Duckmäusertum, solch einen tragenden Erziehungsauftrag (hier im negativen Sinne) kann ein Märchen gar nicht leisten, sondern Kinder sollen zum Denken angeregt werden. Ihnen soll auf das Spiel mit der Welt Lust gemacht werden. Sie werden sich an ähnliche Situationen erinnern, sowohl in der Form, dass sie beim Überschreiten von Tabus mit den Konsequenzen, in welcher Form auch immer (Strafe, Verlust von Gegenständen etc.) leben mussten, oder auch daran, dass sie einfach Glück hatten. Das Empfinden beim Hören dieser Texte ist Resultat ihrer Sozialisation.

Zum Glück hat die Psychoanalyse hier bereits breite Forschungsarbeit geleistet. Wer sich für die psychoanalytische Interpretation des Verhältnisses von Kindern zum Märchen interessiert, sollte die Arbeiten von Walter Scherf lesen.

Solche unterschiedlichen Wirkungsweisen werden natürlich im Deutschunterricht zugelassen. Kinder im Alter von 10 Jahren halten solche Gefühls- und Betrachtungsweisen ja nicht versteckt.

Und hier, denke ich, sind wir bei dem eigentlichen Kern der Diskussion. Wichtig ist, dass ich den Inhalt der Ballade mit den Schülern analysiere. In der 4. Klasse natürlich nur soweit dies auch von den Kindern nachvollzogen werden kann. Fragen wie z.B.
- Sollte der Lehrling eine Lektion erhalten?
- Bekommt der Lehrling eine Strafe?
- Könnte er bei der nächsten Situation richtig handeln, denn jetzt kennt er ja wieder den Zauberspruch?
- Ist der Zauberlehrling vergesslich?
- Sollte man dem Zauberlehrling jede erdenkliche Handlungsfreiheit lassen?

kann man mit 10-jährigen Kindern sehr fruchtbar diskutieren.

Auch die Aktualisierung des Zauberlehrlings muss man gar nicht so verkrampft angehen. Die These: „Tue nichts, was über deine Möglich-keiten hinaus geht“ kann doch eine ganz aktuelle Diskussion auslösen. Man stelle sich eine heutige Situation in einem Chemielabor vor, in dem ein Azubi mit Chemikalien hantiert, die er vorher nie allein benutzt hat. Welche Gefahren hier lauern, ist ersichtlich. Und wenn der Meister dann die Benutzung bestimmter Chemikalien ohne seine Aufsicht verbietet, handelt er sehr verantwortungsbewusst. Das heißt doch nicht automatisch, dass der Azubi nicht auch Meister werden kann.

Ihr schreibt, „Goethe steht für den Mythos ‚Gutes Deutsch’“. Für mich hat das mit ‚Mythos’ nichts zu tun, er ist Vertreter der Hochsprache einer literarischen Epoche. Schüler sollen gerade den Unterschied zwischen Sprache heute und Sprache damals erleben. Ein Erlebnis, das bei Schülern diesen Alters oft belustigend wirkt.

Natürlich haben wir beabsichtigt, die Schüler durch die Umwandlung des Gedichtes in einen Rap stärker zu motivieren, ihnen das Erlernen des Gedichtes zu erleichtern, aber doch nicht um ihnen Goethe einzuflößen.

Insgesamt vermittelt der Text das Gefühl, man solle von Schülern nur nicht zu viel fordern, sie nicht mit Gedichten quälen. Nirgendwo wird etwas davon erwähnt, wie selbstbewusst sich Schüler fühlen, wenn sie etwas geleistet haben, was sie zum Glück nicht so schnell vergessen, wie von euch vermutet.

Zu 4
Erste Antworten auf offene Fragen

Natürlich wurde die Pointe der Verbindung von Warhol und Goethe nicht von Schülern kreiert. Das können sie auch in der 4. Klasse gar nicht leisten, denn sie kannten Warhol bis dahin nicht. Uns ging es vordergründig um die zu erlernende Technik der Animation, und es ist ein Teil der Vorbereitung des Lehrers bzw. des Außerschulischen Partners entsprechende Vorlagen dafür auszuwählen, die gleichzeitig der Wissens-erweiterung dienen.

Der Vorwurf, dass Reflektion und Analyse zu diesem Projekt fehlen, ist berechtigt. Auch die Kritik, dass der Goethe-Text der langweiligste Teil der CD ist.

Hierzu muss man folgende Dinge bedenken:

- Das Projekt dauerte 3 Wochen. Das ist zeitlich gesehen für ein Gedicht im Deutschunterricht „Luxus“. Eine stärkere Reflektionsarbeit gemeinsam mit Schülern, die ich auch für wichtig halte, hätte noch mehr Zeit in Anspruch genommen.
- Die Form einer Dokumentation von Kubim-Projekten war und ist lange nicht klar.
- Die Goethe-Biografie wurde von Schülern aus den Ergebnissen einer Unterrichtseinheit „Goethe für Gören“ entnommen. Sie ist in der Tat langweilig und könnte als Aufforderung für ein neues KuBiM-Projekt verstanden werden. Gedacht ist sie nicht für Erwachsene, wie ihr vermutet, sondern für Kinder, die von Goethe noch nichts gehört haben.

Häufig wird von euch hinterfragt, inwieweit Schüler an diesem Projekt beteiligt waren. Ich kann neben den bereits in der Dokumentation aufgezählten Schülerarbeiten nur noch einmal bestätigen, dass Schüler soweit beteiligt werden, wie sie selbst in der Lage sind. In der Oberschule kann eine Schülerbeteiligung in größerem Umfang erfolgen, aber auch nur dann, wenn ich in der Grundschule die notwendige Basis schaffe (Womit wir wieder beim Zauberlehrling wären).


Zu 5.
Weiter
Die Ansätze, auf Grund welcher Fragestellungen man die CD im Unterricht einsetzen könnte, enttäuschen. Sie orientieren sich nur an Themen der Sprachwissenschaft. Eine einseitige Verlagerung in die Sprachwissenschaft zeigt sich auch in der Auswahl der benutzten Literatur. Eure Erwartungen vom Einsatz der CD erscheinen mir für Schüler im Grundschulalter etwas abgehoben.

Das soll nicht zur Schlussfolge haben, dass wir in unseren Projekten Fragen zu Inhalten und Sprachformen außer Acht lassen sollten, aber der Schwerpunkt unserer Diskussion sollte doch stärker bei Themen des künstlerisch-ästhetischen Aspekts und des sinnvollen Einsatzes digitaler Medien liegen.

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