1. Man stelle sich das nur mal vor:
Fünfundzwanzig Kinder sollen zu einem vorgegebenen Thema ein
Bild malen und es gibt nur einen Pinsel. Na gut, dann malen halt
alle nacheinander, vielleicht kann ja auch immer ein zweiter Schüler
dabei zuschauen, vielleicht kann auch noch der Pinsel aus der Nachbarklasse
geholt werden und vielleicht hat der Lehrer auch noch seinen eigenen
Pinsel mitgebracht und lässt die Kinder damit arbeiten.
Wenn es wirklich so optimal läuft, dann können also drei
Kinder gleichzeitig mit einem Pinsel malen und drei weitere dabei
zuschauen. Wunderbar! Nur müssen sie schnell malen, denn es
muss bald gewechselt werden, schließlich sollen alle mal in
den nächsten drei Wochen dran kommen. Und dann wollen ja auch
alle mal mit einem Pinsel malen – sogar die Jungen!
Unter solchen Bedingungen darf es den Lehrer dann auch nicht stören,
wenn bei der Aufforderung zum Wechseln das eine und das andere Kind
sich beklagen, dass sie noch gar nicht fertig sind, weil die Zeit
so knapp war und wo es doch auch so anders war als sonst. So ist
das eben; es kann ja auch nur darum gehen Malen mit dem Pinsel einmal
auszuprobieren – „Seid froh, dass ich euch überhaupt
mal mit einem Pinsel malen lasse!“
Und was machen all die anderen Kinder in der Zeit? Na, wie so oft:
Laptop raus, Grafik-Tablett anschließen und das Grafik-Programm
starten. Die Aufgabe ist für beide Medien die gleiche, der Unterschied
ist aber, dass bei der Ausführung mit dem Pinsel die Kinder
einmal ganz andere ästhetische Erfahrungen machen und zu ästhetisch
unterschiedlichen Ergebnissen kommen können.
Gott sei Dank kennen sich alle Kinder mit dem Grafik-Programm wie
selbstverständlich aus, so dass der Lehrer zumindest ein wenig
mehr Zeit hat das Malen mit dem Pinsel den einzelnen Kindern zu erklären.
Aber die wollen natürlich lieber erstmal spielerisch die Möglichkeiten
des Pinsels ausprobieren und nicht gleich zielgerichtet damit arbeiten.
Es ist wie früher mit den Tageslichtprojektoren: Bevor man damit
in Ruhe arbeiten konnte, vergingen einige notwendige Stunden mit
Licht-und-Schatten-Spielereien. Angesichts der knappen Pinsel ist
das natürlich problematisch.
Und das Ergebnis der kleinen Unterrichtsreihe kann dann auch nicht
sonderlich befriedigend sein:
nicht alle Kinder haben in den drei Wochen mit den drei Pinseln
zumindest einmal malen können (in der zweiten Woche stand der
Pinsel aus der Nachbarklasse nicht zur Verfügung, da der dortige
Lehrer zur gleichen Zeit damit etwas in seiner Klasse präsentieren
wollte);
- alle Kinder fanden die Arbeitszeiten mit dem Pinsel viel zu kurz;
- kaum ein Pinselbild ist fertig geworden;
- kein Kind ist mit seinem Pinselbild zufrieden oder will es in
der Klasse aufhängen;
- alle Kinder haben aber in den drei Wochen ihr Computerbild in
Ruhe fertig malen können (war halt für jeden ein Laptop
da);
- alle Computerbilder sind auf der Klassenseite im Intranet ausgestellt.
Und der Lehrer fragt sich, ob das Malen mit dem Pinsel denn wirklich
sein muss – unter diesen Rahmenbedingungen und bei all dem
Aufwand!
Man stelle sich das nur mal vor!
2. Natürlich haben alle Kinder einen Pinsel
Und warum soll man sich genau das Gegenteil vorstellen? Wahrscheinlich
ist der Pinsel (dick oder dünn, mit Haaren oder Borsten) eines
der meistbenutzten Utensilien im Kunstunterricht. Jedes Kind hat
mindestens einen und Kinder haben damit schon immer gemalt – das
ist die unendliche Geschichte von Pinsel und Wasserfarbkasten im
Kunstunterricht. Den Pinsel kann man sich gar nicht wegdenken, der
ist einfach da.
Und den Computer mit Grafik-Tablett kann man sich gar nicht hinzudenken,
der ist einfach nicht da. So wie ein Pinsel. Für jedes Kind.
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