Kinder machen Kunst
mit Medien
Das Drama des einzigen Pinsels
oder
Warum in meiner Klasse nie die Bilder fertig werden


Mathias Thimm

Aspekte der Übertragbarkeit von Projektergebnissen


Reflexion und Debatte

Impressum

1. Man stelle sich das nur mal vor:

Fünfundzwanzig Kinder sollen zu einem vorgegebenen Thema ein Bild malen und es gibt nur einen Pinsel. Na gut, dann malen halt alle nacheinander, vielleicht kann ja auch immer ein zweiter Schüler dabei zuschauen, vielleicht kann auch noch der Pinsel aus der Nachbarklasse geholt werden und vielleicht hat der Lehrer auch noch seinen eigenen Pinsel mitgebracht und lässt die Kinder damit arbeiten.

Wenn es wirklich so optimal läuft, dann können also drei Kinder gleichzeitig mit einem Pinsel malen und drei weitere dabei zuschauen. Wunderbar! Nur müssen sie schnell malen, denn es muss bald gewechselt werden, schließlich sollen alle mal in den nächsten drei Wochen dran kommen. Und dann wollen ja auch alle mal mit einem Pinsel malen – sogar die Jungen!

Unter solchen Bedingungen darf es den Lehrer dann auch nicht stören, wenn bei der Aufforderung zum Wechseln das eine und das andere Kind sich beklagen, dass sie noch gar nicht fertig sind, weil die Zeit so knapp war und wo es doch auch so anders war als sonst. So ist das eben; es kann ja auch nur darum gehen Malen mit dem Pinsel einmal auszuprobieren – „Seid froh, dass ich euch überhaupt mal mit einem Pinsel malen lasse!“

Und was machen all die anderen Kinder in der Zeit? Na, wie so oft: Laptop raus, Grafik-Tablett anschließen und das Grafik-Programm starten. Die Aufgabe ist für beide Medien die gleiche, der Unterschied ist aber, dass bei der Ausführung mit dem Pinsel die Kinder einmal ganz andere ästhetische Erfahrungen machen und zu ästhetisch unterschiedlichen Ergebnissen kommen können.

Gott sei Dank kennen sich alle Kinder mit dem Grafik-Programm wie selbstverständlich aus, so dass der Lehrer zumindest ein wenig mehr Zeit hat das Malen mit dem Pinsel den einzelnen Kindern zu erklären. Aber die wollen natürlich lieber erstmal spielerisch die Möglichkeiten des Pinsels ausprobieren und nicht gleich zielgerichtet damit arbeiten. Es ist wie früher mit den Tageslichtprojektoren: Bevor man damit in Ruhe arbeiten konnte, vergingen einige notwendige Stunden mit Licht-und-Schatten-Spielereien. Angesichts der knappen Pinsel ist das natürlich problematisch.

Und das Ergebnis der kleinen Unterrichtsreihe kann dann auch nicht sonderlich befriedigend sein:

nicht alle Kinder haben in den drei Wochen mit den drei Pinseln zumindest einmal malen können (in der zweiten Woche stand der Pinsel aus der Nachbarklasse nicht zur Verfügung, da der dortige Lehrer zur gleichen Zeit damit etwas in seiner Klasse präsentieren wollte);

- alle Kinder fanden die Arbeitszeiten mit dem Pinsel viel zu kurz;

- kaum ein Pinselbild ist fertig geworden;

- kein Kind ist mit seinem Pinselbild zufrieden oder will es in der Klasse aufhängen;

- alle Kinder haben aber in den drei Wochen ihr Computerbild in Ruhe fertig malen können (war halt für jeden ein Laptop da);

- alle Computerbilder sind auf der Klassenseite im Intranet ausgestellt.

Und der Lehrer fragt sich, ob das Malen mit dem Pinsel denn wirklich sein muss – unter diesen Rahmenbedingungen und bei all dem Aufwand!

Man stelle sich das nur mal vor!

2. Natürlich haben alle Kinder einen Pinsel

Und warum soll man sich genau das Gegenteil vorstellen? Wahrscheinlich ist der Pinsel (dick oder dünn, mit Haaren oder Borsten) eines der meistbenutzten Utensilien im Kunstunterricht. Jedes Kind hat mindestens einen und Kinder haben damit schon immer gemalt – das ist die unendliche Geschichte von Pinsel und Wasserfarbkasten im Kunstunterricht. Den Pinsel kann man sich gar nicht wegdenken, der ist einfach da.

Und den Computer mit Grafik-Tablett kann man sich gar nicht hinzudenken, der ist einfach nicht da. So wie ein Pinsel. Für jedes Kind.

 
 
3. Warhol im Kunstunterricht

Der eigene Kopf, fotografiert, kopiert, verschieden übermalt und nebeneinander angeordnet, wird zum Kunstwerk: Mao, Marilyn, John und Elvis. Natürlich können die Kinder das auch mit Wasserfarben, Bunt- und Wachsstiften nachmachen. Die Ergebnisse sind schön. Also warum noch mal das ganze mit dem Grafikprogramm?

Ein gutes Grafikprogramm bietet potente Werkzeuge (Pinsel, Bürste, Spachtel, Sprühdose usw.), die mit einer Vielzahl von Farben und Farbqualitäten in unterschiedlichster Intensität und Stärke (deckend, transparent, aufhellende usw.) kombiniert werden können. Dadurch lassen sich sehr unterschiedliche Effekte erzielen. Und jeder Strich kann immer wieder zurückgenommen werden. Und ist deswegen leichter zu setzen.

Es kann eine Freude am Ausprobieren entstehen und eine größere Vielfalt im Ergebnis.

Und es geht genau darum: zu ergründen, welche ästhetisch-kreativen Möglichkeiten mit dem Computer möglich sind, die ohne den Computer nicht zu realisieren wären. Es ist genau dieses Mehr, das den Einsatz von Computern in der kulturellen Bildung rechtfertigt und fordert.

 
4. Computerbilder

Die Bilder waren farbiger und lebendiger, ästhetisch abwechslungsreicher, experimenteller in der Gestaltung und lustvoller im Erleben. Und sie sahen auch mehr nach Warhold aus. Nur sind sie alle nicht fertig geworden, weil wir nur einen Computer in der Klasse habe. Und dass wir den Computer aus der Nachbarklasse ausleihen konnten und meinen eigenen Laptop mitbenutzt haben, hat bei weitem nicht genügt.

Man stelle sich das nur mal vor!

 
5. Nachwort für potentielle Sponsoren

Wenn mir jemand 10 Laptops für die kulturelle Bildung sponsern möchte, dann muss er sich keine Sorgen machen, dass nach Abschluss der Warhol-Bilder die Geräte nicht mehr zum kulturellen Einsatz kämen. Ich habe so viele Ideen im Kopf:

Animationsfilme mit der Webcam - virtuelle Graffitis - digitales Fotoarchive der Details - Trickfilme mit dem GIF-Animator - Fotomontagen im Stil von Margritte – Videoclips –Webdesign - Bilder, die lügen[1] - ...


 
6. Nachwort für kritische Leser

Die Warhol-Imitation in diesem Text hat als Objekt den Lehrer. Es handelt sich bei den Bildern um eingescannte Wasserfarbbilder. Jetzt mag man sagen, wie schön die doch sind und dass das doch völlig genügt. Ja und Nein!

1. Die Bilder sind hier durch das Scannen digitalisiert und damit keine Wasserfarbbilder mehr – will sagen: Ihre Wirkung ist bereits eine andere.

2. Die Computer-Bilder der Kinder, auch wenn sie nicht fertig geworden sind haben hinsichtlich der schöpferischen Prozesse und der ästhetischen Wirkung ein deutliches Mehr. (Aber unfertige Bilder zeigt man nicht so gerne! Ätsch!)

 
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