Kinder machen Kunst
mit Medien
Vom Produkt aus:
Einfälle und Fragen beim Betrachten der CD-ROM zum Projekt “Zauberlehrling”


Von Carmen Mörsch und Constanze Weth *
Diskussion der Projektergebnisse


auf diesen Text antwortet Marianne Friedrich:
Replik zu Carmen Mörschs und Constanze Weths „Einfällen und Fragen beim Betrachten der CD-ROM zum Projekt ’Zauberlehrling’“


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Reflexion und Debatte

Projektbeschreibung "Zauberlehrling"




1. Der Zauberlehrling von Goethe ist grauenhaft.

Seit ewigen Zeiten schon scheinen SchülerInnen mit diesem Gedicht gequält zu werden,das zum Duckmäusertum und zum vorauseilenden Gehorsam ermahnt: “Keine Experimente! Wehe, Du wagst Dich nach vorn und probierst aus, wie weit Du mit dem, was Du schon gelernt hast, gehen kannst! Dein Mut wird Dich selbst und alles Hab und Gut, für das Du verantwortlich bist, existentiell gefährden. Und ganz allein der alte Meister kann Dich aus dieser Gefahr erretten – wenn Du Glück hast, wenn er noch rechtzeitig kommt!” - Na, danke! Nicht gerade eine Aufforderung zum vielbeschworenen “selbstgesteuerten Lernen”.

Goethe steht für den Mythos “gutes Deutsch” - die Beschäftigung mit Goethe impliziert, die “gute Sprache zu lernen”. Mythos deshalb, weil kein Kind durch die intensive Beschäftigung mit Goethe lernen wird, die Hochsprache Deutsch zu sprechen oder zu schreiben. Das “Goethe-Register” hat mit den in Gebrauch befindlichen Sprachregistern nichts zu tun. Weder verweist Goethe auf die informellen, umgangssprachlichen Ausdrucksweisen von SchülerInnen und Lehrenden, noch auf die formellen, im Unterricht geforderten Sprech- und Schreibweisen. Eine Betrachtung von Goethes Werk ist damit von den Sprachpraxen im Unterricht abgespalten.
Goethe verweist heute auf kanonisiertes Kulturgut, mit dem jedes Kind an einer deutschen Schule laut Rahmenplan in Berührung gekommen sein muss. Durch den Zauberlehrling wird nicht in erster Linie die Sprache Deutsch, sondern deutsche Leitkultur vermittelt.
Wie also umgehen mit dem vom Rahmenplan diktierten Machwerk? Eine verkrampfte Aktualisierung à la “was sagt uns der Zauberlehrling heute?” klappt nicht. Eine Haltung, die sagt “Hochkultur ist böse, Soziokultur ist lieb!” führt in dieser Situation auch nicht weiter. Beides hat sich in den vergangenen 30 Jahren nicht wirklich bewährt, die Konzepte scheitern an der Uneindeutigkeit der Wirklichkeit, an ihren vielen Schichten.

Vielleicht empfiehlt sich ein Vorgehen wie im Judo: nutze den Energieschwung der Gegnerin für deinen Schlag, werte ihre Bewegung in eine um, die dir in die Hände spielt. Diese Strategie verfolgt das Musikvideo der Klasse 4 b.
Beim Zauberlehrling und beim Rap handelt es sich um Bühnensprachen. Beide existieren in einem extra für sie reservierten Raum (wie die Guckkastenbühne im Musikvideo oder die Guckkastenbühne, in der sich ein Stück von Goethe abspielt). Etwas wird darin beispielhaft aufgeführt, oft handelt es sich dabei um ein Problem. Die verwendeten Sprachen sind besonders, die alltagssprachliche Syntax außer Kraft gesetzt. Die gereimte Struktur verweist in beiden Fällen auf eine außergewöhnliche Situation und die Allgemeingültigkeit des Gesagten (“und jetzt alle!“), sowie auf den Einfallsreichtum dessen, der sich die Reime ausgedacht hat. Es spricht also nichts dagegen, den Zauberlehrling in einen Rap zu überführen. Dafür spricht: der Rap ist bei den SchülerInnen populär, Goethe eher nicht.
Durch die Überführung des Gedichts in einen Rap wird der Geschmack der Kinder aufgewertet, und Goethe wird in seiner hochkulturellen Position dekonstruiert. Dekonstruiert meint hier, das seine Position sichtbar und reflektierbar wird und sich für die Dauer des Video verschiebt, ohne dass sie dabei aufhört, als hochkulturelle zu existieren. Man kann über sie lachen, aber es ist kein hämisches Lachen. Gleichzeitig wird Goethe kontextualisiert. Die Bühnensprache des Zauberlehrlings wird eingebunden in die vielfältigen Sprechweisen, die die SchülerInnen bei der Umsetzung in das Rap-Video ausüben. So bricht die Arbeit mit dem Zauberlehrling die Hierarchien der sprachlichen Register auf und eröffnet den SchülerInnen neue Möglichkeiten des Sprechens. Goethe bleibt Goethe und ist trotzdem für die SchülerInnen nutzbar.
Bösartig könnte man sagen, der Rap wurde benutzt, um den SchülerInnen den Goethe einzuflössen. Dass ein solches Vorgehen repressiver sei als ein Auswendiglernen mit Drill.

Den Kindern macht das Ganze Spaß, danach sieht es jedenfalls auf dem dokumentarischen Teil der CD aus. Deswegen ist es für sie wohl auch keine Zumutung, nebenbei dieses Gedicht auswendig zu lernen. Zum Glück vergessen sie es nach einer Weile ja auch wieder. Aber wahrscheinlich bleibt den meisten von ihnen der Bühnenbau, das Musikmachen, das Plakatemalen, der Umgang mit der Kamera und die Inszenierung des Textes in sehr guter Erinnerung. Sie waren an einem großen Werk beteiligt, dessen Summe weit mehr ist als die einzelnen Teile. Der glückliche Gesichtsausdruck eines Schülers beim Musikmachen auf einer dokumentarischen Videosequenz lässt sich schlecht theoretisieren oder als “Ergebnis sichern”, aber er lässt sich für die  BetrachterInnen als Energiequelle nutzen, als Erinnerung daran, warum sie ihre Arbeit – als Lehrende, als SchülerInnen, als wissenschaftliche Begleitung usw. - tun.  Deswegen sollten wir uns gedanklich nicht zu sehr in die repressiven Anteile dieses Projekts verbeißen.

Übrigens – das gehört jetzt eigentlich nicht hier her, aber trotzdem ist es uns beim Betrachten des Videos durch den Kopf gegangen:
Migrantische Kinder werden ja öfter mal als grundsätzlich schwach eingestuft – in vielen Beschreibungen gibt es “leistungsstarke Schüler, Ausländer und schwache Schüler”, d.h. es gibt in dieser Perspektive keine AusländerInnen, die leistungsstarke SchülerInnen sind. Vielleicht liegt das daran, dass migrantische Kinder, die gut in der Schule sind, nicht mehr als ausländisch wahrgenommen werden?
Seit Ende der 1970er Jahren sind einige ethnographische Arbeiten entstanden, die herausgefunden haben (z.B. Shirley Brice HEATH, in ihrer umfangreichen Studie „Ways with Words“, 1983):
ob ein Kind schnell und korrekt schreiben und lesen lernt, liegt nicht so sehr daran, ob es migrantischen Hintergrund hat oder nicht, sondern daran, wie literat (schriftgewohnt) sein Elternhaus ist: d.h. ob es Bilderbücher bekommen hat, ob die Eltern lesen, ob zuhause überhaupt Regale mit Büchern herumstehen oder nicht. Goethe wird in der Studie von Shirley Brice Heath nicht erwähnt, aber das liegt sicher daran, dass sie in den USA stattgefunden hat.

2. “Sich fremd machen” durch die Zusammenarbeit mit dem Computer.

Der Einsatz digitaler Medien hat in diesem Projekt spezifische Funktionen, die vom Produkt ablesbar sind.
Während früher ein langwieriges Stopp-Trick-Verfahren von Hand mit der Super-8-Kamera deren Einsatz in einer Schulklasse weitgehend verunmöglicht hat, beschleunigt und vereinfacht die Arbeit mit Computerschnittprogrammen und Digitalkamera die Filmproduktion um ein Vielfaches. Sie führt zu schnellen Ergebnissen, die beiläufiger daherkommen als bei den alten Verfahren. Durch die Allgegenwart des Befehls “Undo” ist ein ständiges Löschen und neu Zusammenstellen von Material möglich, alles kann schnell ausprobiert und wieder verworfen werden (in diesem Text gehen wir nicht auf die Verschiebungen in der Wahrnehmung und Produktion von Bildern durch diese Möglichkeit ein). Das digitale Verfahren erfordert weniger Geduld als das photochemische. Dabei sind die animierten Playmobil Figuren der Beweis dafür, dass man auch hierbei immer noch viel Geduld braucht und eine ähnlich hohe Strukturierungsleistung gefordert ist wie beim traditionellen Stopptrick. Aber letztlich kann durch die endlosen Korrekturmöglichkeiten keine Szene verdorben werden. So ist die Herstellung eines Animationsfilmes im Unterricht durch den Einsatz der digitalen Medien technisch realisierbar und weitestgehend für jedes Kind möglich geworden.
Sowohl bei der Produktion der Goethe-Animationen in Erinnerung an Andy Warhol als auch beim Trickfilm mussten die Kinder “strukturierte Verfremdungen” leisten. D.h., sie mussten versuchen, sich vorzustellen, wie das aus vielen Einzelbildern, Klängen und Worten zusammengesetzte Ergebnis aussehen soll. Sie mussten entscheiden, was sie ausdrücken wollten und darauf hin planen.
Das Training genau dieser Mechanismen ist auch notwendig beim Sprach- und Schrifterwerb. Beim Schreiben ist man gezwungen, sich explizit auszudrücken, etwas so zu sagen, dass der Text auch in räumlicher und zeitlicher Distanz verständlich ist. Das bedarf der Fähigkeit, die eigenen Gedanken zu einem einheitlichen Text zu strukturieren, der unabhängig ist von der direkten Kontrolle des Gegenübers durch Mimik und Gestik. Das Arbeiten mit Bildern, mit der Stop-Motion-Animation ermöglicht Kindern mit Schwierigkeiten beim Schreiben, die gleichen Strukturierungsleistungen in anderen Medien als der Schrift zu üben.

3. Einige Funktionen des Produkts


Die Produktion und das Betrachten der CD-ROM produzieren einen Mehrwert zur reinen Herstellung des Videos und der animierten Bilder. Da ist zum einen die Kombination der Werke mit der Dokumentation des Entstehungsprozesses: die ProduzentInnen sehen sich selbst bei der Herstellung zu, und haben die Chance, die eigenen Arbeitsprozesse zu reflektieren.
Die CD ist ein leicht zu verbreitendes und zu rezipierendes Medium, wodurch die Chance erhöht wird, dass auch die SchülerInnen sich an seiner Verbreitung und Rezeption beteiligen können.
Auch wenn man nicht gut zeichnen kann, macht die Animation durch die Kombination der einzelnen Zeichnungen daraus etwas effektvolles, was sicher für viele Kinder ziemlich ermutigend ist und in Zukunft vielleicht ein bisschen hilft, den Imperativ der handwerklichen Bravour im Kunstunterricht zu relativieren.
Das Ergebnis hat den Anstrich einer professionellen Produktion (was mit den photochemischen Verfahren aufgrund des Kosten- und Logistikaufwands nicht möglich wäre), die SchülerInnen und LehrerInnen sind wahrscheinlich zum größten Teil stolz darauf.
Die vielfältigen Kombinationen von Text und (bewegten) Bildern auf der CD ist zusätzlich anregend und zeigt spezifische und exklusive Möglichkeiten von digitaler Programmierung auf, mit denen sich die Schüler, um “Medienkomeptenz” zu erwerben, auseinandersetzen sollten.

4. Offene Fragen

Die professionelle Oberfläche des Ergebnisses hat uns beim Betrachten mit ambivalenten Gefühlen erfüllt: es hat großen Spaß gemacht und auch angerührt - aber immer, wenn ein Produkt aus der Schule unseren erwachsenen Augen und Ohren so sehr schmeichelt, fragen wir uns, welchen Anteil die Kinder genau an der Entstehung des Produktes haben. Zum Beispiel: wurde die Pointe der Verbindung von Warhol und Goethe mit ihnen geteilt oder haben sie das Portrait von Goethe durchgepaust und bunt angemalt und das war ´s ?
Das Projekt birgt viel bemerkenswerte Analyse und Kritik (von der wir in diesem Text zu sprechen versucht haben), die auf der CD als Ebene nicht auftaucht. (Stattdessen kann man einige biografische Details über Goethe lernen, das ist der langweiligste Teil der CD.) Inwieweit hatten auch die Kinder eine Chance, an dieser Ebene teil zu haben? Oder sind sie dafür noch “zu klein”? Und wenn sie das sind, welche Funktion hat dann ihr Einsatz in diesem Projekt für das Produkt, das ja auch von den Lehrenden, den beteiligten Künstlern und  dem KuBiM-Projekt als Werbung für Erwachsene benutzt wird?

5. Weiter

Wir wünschen uns die CD-ROM des Zauberlehrlings als Unterrichtsmaterial, zum Beispiel um:

mit Kindern herauszufinden, wie viel Explizitheit innerhalb einer Stukturierungsleistung nötig ist, damit andere eine Sache verstehen können.

Eine Diskussion zu führen über verschiedene Arten des Sprechens und wo diese jeweils ihren Platz haben (und nicht haben).

Herauszufinden, in wie viele Sprachen der Zauberlehrling übersetzt worden ist, und warum er in anderen Ländern gemocht und vielleicht auch auswendig gelernt wird. Um diese Sprachen in das nächste, zwangsläufig anstehende Projekt einzubeziehen.

Literatur:

David BARTON, Mary HAMILTON (1998), Local Literacies: Reading and writing in one community, London u.a.: Routledge. 

Herbert BREKLE, Utz MAAS (ed.) (1986), Sprachwissenschaft und Volkskunde: Perspektiven einer kulturanalytischen Sprachbetrachtung, Opladen: Westdeutscher Verlag.

Shirley Brice HEATH (1993), Ways with words: Language, life, and work in communities and classrooms, Cambridge u.a.: Cambridge University Press.

*Carmen Mörsch ist Juniorprofessorin für Materielle Kultur und ihre Didaktik an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg. Sie ist Teil des künstlerisch-wissenschaftlichen Begleitteams des Projekts “Kinder machen Kunst mit Medien”.

Constanze Weth promoviert am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück zum Thema "Literate Praxen von marokkanischen und okzitanischen Kindern und ihren Familien in Nîmes, Frankreich".

Sie hat sich die CD angesehen und zusammen mit Carmen Mörsch darüber nachgedacht und geschrieben.

 
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