Anzeige
BerlinOnline
Berliner Branchen Stadtplan Tickets Club Preisvergleich  Finden
:: Berliner Zeitung
:: Berliner Kurier
:: TIP-Magazin
 
:: Aktuelles
:: Anzeigenmärkte
:: Markt & Service
:: Finanzen
:: Reisen
:: Gesundheit
:: Berlin Life
:: Liebe & Dating
:: Erotik
 
 Versatel DSL  Kino  Auktionen  Sport-Ticker  Jobs  Essen & Trinken  Club / Community Shopping Preisvergleich  LOTTO Berlin  Schulfreunde  Immobilien  Autos
 
 Impressum  Mediadaten

Feuilleton LOGO Berliner Zeitung

Samstag, 04. Juni 2005
Anzeige

Kein Rechtschreibfrieden

Zum Ärger der Kritiker treten Teile der Reform in Kraft, während an anderen noch gebastelt wird

Torsten Harmsen

Wer noch immer ein bisschen an der deutschen Sprache interessiert ist, der schaute am Freitag gespannt nach Mannheim. Dort ging der Rat für deutsche Rechtschreibung an die Öffentlichkeit. Er war Ende 2004 gebildet worden, um nach langem Streit den "Rechtschreibfrieden" zu retten und einige der größten Fehlentscheidungen der Reform rückgängig zu machen. Dazu gehören die umstrittenen Neuerungen in der Getrennt- und Zusammenschreibung, etwa: "Rad fahren", "außer Stande sein", auseinander setzen", "Eis laufen", "Leid tun". Am selben Tage hatte die Akademie für Sprache und Dichtung - die bisher dem Rechtschreibrat die kalte Schulter zeigte - kurzfristig zwei Vertreter in den Rat entsandt, um die "Reform der Reform" zu unterstützen.

Am meisten trug aber wohl das Vorgehen des Ratsvorsitzenden und ehemaligen bayerischen Kultusministers, Hans Zehetmair, zum Erfolg bei. Er hatte die Detailarbeit aus dem 36-köpfigen Gremium in kleine Arbeitsgruppen verlagert. Hier mussten sich Gegner und Befürworter der Reform zusammenraufen. Das Ergebnis: Mit Zweidrittelmehrheit beschloss der Rat in Mannheim, dass künftig wieder mehr Wörter zusammengeschrieben werden sollen - und zwar nach inhaltlichen Gesichtspunkten.

Zehetmair nannte den Unterschied zwischen jemandem, der "krank schreibt" und jemandem, den man "krankschreibt". Worte wie eislaufen, fertigmachen, heiligsprechen, dazwischenkommen, leidtun, langgehen sollen künftig wieder zusammengeschrieben werden. Eine Ausnahme: kennenlernen. Hier sollen beide Schreibweisen möglich sein. Die Vorschläge gehen nun zur Anhörung an Lehrer- und Elternverbände und zur Absegnung an die Kultusministerkonferenz (KMK).

Trotz des Erfolgs der Gegner einer sinnlosen Reformiererei zeigt sich, wie verfahren die Situation ist. Denn die KMK verkündete am selben Tag ihren Beschluss, dass jene Teile der Reform, die ihrer Meinung nach unstrittig seien, bereits zum 1. August eingeführt werden. Falsche Schreibweisen gelten von diesem Zeitpunkt an als Fehler. Für die strittigen Teile dagegen soll an den Schulen weiter eine Toleranzklausel gelten. Das betrifft neben der erwähnten Getrennt- und Zusammenschreibung die Zeichensetzung und die Worttrennung, über die der Rat bis 1. Juli entscheiden will.

Die Kultusminister wollen die Reform schnell über die Bühne bringen - auch gedrängt von jenen, die den jahrelangen "Krieg um die deutsche Rechtschreibung" im Interesse der Schüler zügig beendet sehen wollen. Andere wiederum kritisieren die forcierte Einführung von Teilen der Reform. "Dieses Teil-In-Kraft-Treten ist Blödsinn", sagte die FDP-Bildungspolitikerin Mieke Senftleben der Berliner Zeitung. Man hätte sich noch ein Jahr Zeit lassen sollen. Außerdem sei es inkonsequent von der Politik, einen Rat zur Stiftung des "Rechtschreibfriedens" einzuberufen, ihm Autonomie zu bescheinigen und dann seine Vorschläge nicht abzuwarten.

Der Vorsitzende des Rates, Hans Zehetmair, deutete am Freitag an, dass sich das Gremium womöglich auch noch mit den angeblich unstrittigen Bereichen befassen werde. Womöglich wird es dann für Lehrer und Schüler noch schwieriger. Bereits ab August geraten sie in eine problematische Übergangszeit. Lehrer müssen bei der Korrektur von Arbeiten immer erst nachschlagen, welche Regel schon verbindlich sei und welche nicht. Wenn dann aber der Rat noch weitere, angeblich verbindliche Teile in Frage stellt - wie reagiert die Politik dann?

Auszuschließen ist es nicht. Einer der aktivsten Kritiker im Rechtschreibrat, der Erlanger Sprachwissenschaftler Theodor Ickler, sieht in dem Beschluss der KMK eine bewusste "Missachtung des Rates", weil mit ihm "Teile, mit deren Beratung wir noch gar nicht begonnen haben, in all ihrer Fehlerhaftigkeit verbindlich und notenrelevant werden". Ickler führt als Beispiele "objektiv falsche" Schreibweisen an, etwa: "Er ging Pleite", "Das tut nicht Not", aber auch abseitige "volksetymologische" Schreibweisen wie "Zierrat", "einbläuen" oder "schnäuzen".

Hinter dem KMK-Beschluss stehen nach Meinung Icklers finanzielle Interessen der Schul- und Wörterbuchverlage. Die Verlage hätten massiv auf die verantwortlichen Politiker eingewirkt. Ickler nennt unter anderem die hessische Bildungsministerin und einstige KMK-Präsidentin Karin Wolff als treibende Kraft, die dafür wirke, dass das Thema Rechtschreibreform in der KMK "nicht mehr aufgerührt" werde. Dafür habe sie sich auch in einem Brief an Angela Merkel eingesetzt. Die KMK-Präsidentin Johanna Wanka sagte am Freitag, irgendwann müsse auch in Deutschland eine Reform zum Ende kommen. Die Schüler würden "jetzt schon fast sieben Jahre nach den neuen Regeln ohne Probleme unterrichtet", und die Lehrer bekämen Handreichungen für die Übergangsphase.

Aber es ist zu befürchten, dass der "Krieg" weitergeht, gerade weil Sprache ein organisches Gebilde ist und kein Feld für Experimente und Verordnungen. Im neuen Schuljahr könnte es zu einer Welle von Klagen kommen, weil Fehler in der Rechtschreibung für Schüler notenrelevant werden, obwohl in vielen Medien - Büchern und Zeitungen - noch immer alte Varianten gelten. Bereits in der kommenden Woche wird in Hannover in der Sache Josephine Ahrens verhandelt. Die heute 15-jährige Schülerin klagte zusammen mit ihren Eltern gegen die Rechtschreibreform, weil das, was sie bis dahin gelernt hatte, auf einmal staatsstreichartig über den Haufen geworfen worden sei.



Leserbrief Artikel drucken

Probe-Abo Klicken Sie hier und testen Sie die Berliner Zeitung 4 Wochen lang. Sie sparen mehr als 40 %.
04. Juni 2005
Websuche


powered by LYCOS
Berliner Branchen

Tickets

BerlinOnline-News
Dossiers:
 
Anzeige
Anzeige
Drucken
Seite versenden
© 2005 BerlinOnline
Stadtportal GmbH & Co. KG