Torsten Harmsen
Wer noch immer ein bisschen an der deutschen Sprache interessiert
ist, der schaute am Freitag gespannt nach Mannheim. Dort ging der
Rat für deutsche Rechtschreibung an die Öffentlichkeit. Er war Ende
2004 gebildet worden, um nach langem Streit den
"Rechtschreibfrieden" zu retten und einige der größten
Fehlentscheidungen der Reform rückgängig zu machen. Dazu gehören die
umstrittenen Neuerungen in der Getrennt- und Zusammenschreibung,
etwa: "Rad fahren", "außer Stande sein", auseinander setzen", "Eis
laufen", "Leid tun". Am selben Tage hatte die Akademie für Sprache
und Dichtung - die bisher dem Rechtschreibrat die kalte Schulter
zeigte - kurzfristig zwei Vertreter in den Rat entsandt, um die
"Reform der Reform" zu unterstützen.
Am meisten trug aber wohl das Vorgehen des Ratsvorsitzenden und
ehemaligen bayerischen Kultusministers, Hans Zehetmair, zum Erfolg
bei. Er hatte die Detailarbeit aus dem 36-köpfigen Gremium in kleine
Arbeitsgruppen verlagert. Hier mussten sich Gegner und Befürworter
der Reform zusammenraufen. Das Ergebnis: Mit Zweidrittelmehrheit
beschloss der Rat in Mannheim, dass künftig wieder mehr Wörter
zusammengeschrieben werden sollen - und zwar nach inhaltlichen
Gesichtspunkten.
Zehetmair nannte den Unterschied zwischen jemandem, der "krank
schreibt" und jemandem, den man "krankschreibt". Worte wie
eislaufen, fertigmachen, heiligsprechen, dazwischenkommen, leidtun,
langgehen sollen künftig wieder zusammengeschrieben werden. Eine
Ausnahme: kennenlernen. Hier sollen beide Schreibweisen möglich
sein. Die Vorschläge gehen nun zur Anhörung an Lehrer- und
Elternverbände und zur Absegnung an die Kultusministerkonferenz
(KMK).
Trotz des Erfolgs der Gegner einer sinnlosen Reformiererei zeigt
sich, wie verfahren die Situation ist. Denn die KMK verkündete am
selben Tag ihren Beschluss, dass jene Teile der Reform, die ihrer
Meinung nach unstrittig seien, bereits zum 1. August eingeführt
werden. Falsche Schreibweisen gelten von diesem Zeitpunkt an als
Fehler. Für die strittigen Teile dagegen soll an den Schulen weiter
eine Toleranzklausel gelten. Das betrifft neben der erwähnten
Getrennt- und Zusammenschreibung die Zeichensetzung und die
Worttrennung, über die der Rat bis 1. Juli entscheiden will.
Die Kultusminister wollen die Reform schnell über die Bühne
bringen - auch gedrängt von jenen, die den jahrelangen "Krieg um die
deutsche Rechtschreibung" im Interesse der Schüler zügig beendet
sehen wollen. Andere wiederum kritisieren die forcierte Einführung
von Teilen der Reform. "Dieses Teil-In-Kraft-Treten ist Blödsinn",
sagte die FDP-Bildungspolitikerin Mieke Senftleben der Berliner
Zeitung. Man hätte sich noch ein Jahr Zeit lassen sollen. Außerdem
sei es inkonsequent von der Politik, einen Rat zur Stiftung des
"Rechtschreibfriedens" einzuberufen, ihm Autonomie zu bescheinigen
und dann seine Vorschläge nicht abzuwarten.
Der Vorsitzende des Rates, Hans Zehetmair, deutete am Freitag an,
dass sich das Gremium womöglich auch noch mit den angeblich
unstrittigen Bereichen befassen werde. Womöglich wird es dann für
Lehrer und Schüler noch schwieriger. Bereits ab August geraten sie
in eine problematische Übergangszeit. Lehrer müssen bei der
Korrektur von Arbeiten immer erst nachschlagen, welche Regel schon
verbindlich sei und welche nicht. Wenn dann aber der Rat noch
weitere, angeblich verbindliche Teile in Frage stellt - wie reagiert
die Politik dann?
Auszuschließen ist es nicht. Einer der aktivsten Kritiker im
Rechtschreibrat, der Erlanger Sprachwissenschaftler Theodor Ickler,
sieht in dem Beschluss der KMK eine bewusste "Missachtung des
Rates", weil mit ihm "Teile, mit deren Beratung wir noch gar nicht
begonnen haben, in all ihrer Fehlerhaftigkeit verbindlich und
notenrelevant werden". Ickler führt als Beispiele "objektiv falsche"
Schreibweisen an, etwa: "Er ging Pleite", "Das tut nicht Not", aber
auch abseitige "volksetymologische" Schreibweisen wie "Zierrat",
"einbläuen" oder "schnäuzen".
Hinter dem KMK-Beschluss stehen nach Meinung Icklers finanzielle
Interessen der Schul- und Wörterbuchverlage. Die Verlage hätten
massiv auf die verantwortlichen Politiker eingewirkt. Ickler nennt
unter anderem die hessische Bildungsministerin und einstige
KMK-Präsidentin Karin Wolff als treibende Kraft, die dafür wirke,
dass das Thema Rechtschreibreform in der KMK "nicht mehr aufgerührt"
werde. Dafür habe sie sich auch in einem Brief an Angela Merkel
eingesetzt. Die KMK-Präsidentin Johanna Wanka sagte am Freitag,
irgendwann müsse auch in Deutschland eine Reform zum Ende kommen.
Die Schüler würden "jetzt schon fast sieben Jahre nach den neuen
Regeln ohne Probleme unterrichtet", und die Lehrer bekämen
Handreichungen für die Übergangsphase.
Aber es ist zu befürchten, dass der "Krieg" weitergeht, gerade
weil Sprache ein organisches Gebilde ist und kein Feld für
Experimente und Verordnungen. Im neuen Schuljahr könnte es zu einer
Welle von Klagen kommen, weil Fehler in der Rechtschreibung für
Schüler notenrelevant werden, obwohl in vielen Medien - Büchern und
Zeitungen - noch immer alte Varianten gelten. Bereits in der
kommenden Woche wird in Hannover in der Sache Josephine Ahrens
verhandelt. Die heute 15-jährige Schülerin klagte zusammen mit ihren
Eltern gegen die Rechtschreibreform, weil das, was sie bis dahin
gelernt hatte, auf einmal staatsstreichartig über den Haufen
geworfen worden sei.